Kapitel 2

Fantasy-Saga für Kinder, Jugendliche und Erwachsene

Kapitel 2

Kapitel 2: Der Endlose Turm

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Adrians Blut schien ihm in den Adern zu gefrieren. Noch völlig außer Atem von seiner Flucht vor den Liburen stand er sich einem gewalttätigen Verbrecher, vielleicht sogar einem kaltblütigen Mörder gegenüber. Und das Schlimmste daran war, dass er ihn nicht einmal sehen konnte, so dunkel war es hier drin. Jetzt hieß es vor allem, einen kühlen Kopf zu bewahren! Seinen Zauberstab hielt er in der rechten Hand vor sich, um bereit zu sein, wenn der Angriff beginnen würde. Mit seiner anderen Hand suchte er nach seinem Rucksack, den er verloren hatte, als das Regal zusammenstürzte.

Plötzlich begann eine alte, verkeimte Leuchtstoffröhre an der Decke zu flackern und tauchte den gesamten Lagerraum in ein pulsierendes Zwielicht. Der Raum war voll mit Regalen und klapprigen Schränken, deren Türen meist offen standen. Die Regale waren völlig durcheinander mit jeder erdenklichen Art von Gerätschaften gefüllt, die offensichtlich vom Sperrmüll stammten oder die dieser Kriminelle bei seinen Raubzügen erbeutet haben musste. Und auch aus den Schränken quoll allerlei Unrat. An der einen Wand standen mehrere rostige Fässer übereinander gestapelt und Adrian wollte gar nicht wissen, was sich wohl darin befinden könnte. Aber etwas Anderes beunruhigte ihn viel mehr. Nein, es machte ihm regelrecht Angst! So sehr sich Adrian auch anstrengte, er konnte diesen kriminellen Wegelagerer nirgends entdecken. Unmöglich konnte er in der kurzen Zeit in diesem Chaos irgendwohin gegangen sein.

»Kommsch't mid, od'r willschste wartn, bisse disch hier drin findn dun?« Adrian zuckte fürchterlich zusammen, als er die nuschelnde Stimme des gewalttätigen Penners direkt hinter sich hörte. Vom Dialekt her war das auf jeden Fall kein Berliner. Er riss seinen Kopf herum und sah ihn schräg hinter sich an einem Regal lehnen und ihn fies und hinterhältig anlachen. Sollte er noch versuchen, den Lagerraum so schnell wie möglich zu verlassen, mit der Gefahr, dass die Liburen ihn wieder angreifen würden? Oder wäre es klüger zu riskierten, dem Alten entgegenzutreten? Schließlich beherrschte Adrian genug Magie, um sich gegen so einen Straßenräuber zu verteidigen, auch wenn er so hinterhältig wie dieser da war.

»Wasch isn nu?«, fragte er erneut und schien nun auch Adrians Angespanntheit zu bemerken, lachte aber weiterhin über sein ganzes Gesicht. Irgendwie sah er jetzt gar nicht mehr so böse und auch nicht hinterhältig aus. Aber das täuschte bestimmt.

»'sch bin Helmud. Du muschd keene Angscht vor mir ham. 'sch bin och vom Ordn von Arlon. Hier bei mir ischds Portal.«

Adrians Gesicht musste sehr verdutzt ausgesehen haben, denn er fügte noch lachend hinzu, »Gloobst mer nisch?«

»Aber ... wie ... ähh ... sie ...«, stotterte Adrian total verwirrt vor sich hin. Das konnte doch nicht sein! Dieser Verbrecher würde doch niemals zum Orden von Arlon gehören! Und wie ein Zauberer sah er ja auch nicht gerade aus. Andererseits war es in der Tat die Adresse, wo sich das Portal befinden sollte. Aber viel Zeit zum Überlegen blieb ihm nicht. Irgendetwas trommelte wie große Hagelkörner auf das Blechdach und an die alte, klapprige Tür. Helmut richtete seine Hand nach oben und so etwas wie ein leuchtender Pilz breitete sich, ausgehend von einem Ring aus verrostetem Eisen, wie ein leuchtender Schleier im ganzen Raum aus. Schlagartig hörte das Trommeln auf und Helmut trat einen Schritt auf Adrian zu.

»Das wird dä Liburn 'n bissel aufhaltn. Aber viel Zeit hammer nisch!«

Adrian wusste noch immer nicht so recht, woran er war. Der Alte, dem die Unschlüssigkeit natürlich auffiel, blickte Adrian jetzt freundlich an und sagte geduldig, »Ja. Ja. Nisch immor isses so, wies uffm erstn Blick aussieht. Nor?«, und nach einer kurzen Pause setzte er fort, »Magnus hat mor von dir erzählt. Du bischt bestimmt Adrian. Mer habm aber net mehr viel Zeit, bisse wieder angreife dun. Kommste nu mit? Kannst mer ruhisch vertraun!«

Helmut war noch ein Stückchen näher heran gekommen und Adrian konnte jetzt trotz des schlechten Lichts seine Augen sehen. Sie hatten den gleichen durchdringenden, klaren und freundlichen Blick, wie er es von Magnus und einigen anderen von den Magistern von Arlon schon kannte. Und auf einmal kam ihm der Alte überhaupt nicht mehr bedrohlich vor. Vielmehr empfand er jetzt sogar so etwas wie Vertrautheit. Adrian wurde klar, dass er sich durch die äußere Erscheinung des Mannes ein völlig falsches Bild gemacht hatte. Mit einem kurzen Nicken signalisierte er nun seine Zustimmung und folgte Helmut kreuz und quer durch die engen Regalreihen, dann durch eine kleine schmale Tür in einen langen, dunklen Gang. Der endete an einer massiven, verschlossenen Stahltür. Helmut zog einen Schlüsselbund mit vielen verrosteten Schlüsseln aus seiner Tasche und öffnete die Tür. Im Hintergrund begannen nun schon wieder die Liburen auf das Blechdach zu trommeln. Als sie durch die Tür traten, kamen sie in einen U-Bahn-Tunnel. Vor ihnen befand sich nur ein dünner Steg und gleich dahinter verliefen mehrere Gleise.

Als sie auf den Steg traten, rauschte auch schon die erste Bahn an ihnen vorbei. Helmut verschloss die Tür von außen wieder sorgfältig. Dann lief er den Steg, der nur von ein paar Sicherheitsleuchten spärlich erhellt wurde, entlang und Adrian folgte ihm. Wieder schoss eine Bahn direkt an ihnen vorbei. Nach knapp zweihundert Metern hörte der Steg plötzlich auf und sie bogen in einen schmalen, unbeleuchteten Gang ein. Hinter ihnen rauschte erneut eine Bahn vorbei. Helmut öffnete die Metalltür und sie traten in eine weitere Lagerhalle, die ebenso voller Regale war, die wiederum mit allen möglichen und unmöglichen Dingen gefüllt waren. Der Alte lief schnurstracks auf ein Regal zu, über dem ein schmutziges Tuch hing. Als er das Tuch wegzog, kam aber kein weiteres Regal zum Vorschein, sondern so etwas wie ein Türrahmen, in dem ein leuchtender Schleier hing - ein magisches Portal.

»Das isses Portal nach Arlon.«, sagte Helmut und fügte noch hinzu, » 'sch kannte deinen Opa gut! Du bischt'm ziemlisch ähnlisch.«

Adrian lächelte verlegen und antworte leise, »Danke. Danke für ihre Hilfe und ... ähh ... für Alles!«

»Immor gern!«, erwiderte der Alte mit einem breiten Lachen auf seinem Gesicht, »Wenn de mal irgendwas brauchscht, egal was, frach misch, klar? Isch kann alles besorgen dun. Nu mach los! Und isch werd mich jetscht ä bissl um de Liburn kümmern.«

Nachdem Adrian ihm noch die schmutzige Hand geschüttelt hatte, strecke er seinen Arm aus, an dem sich der Portalschlüssel befand und berührte damit den leuchtenden Vorhang. In dem Augenblick, als er den Schleier anfasste, durchfloss ihn ein Kribbeln, als wenn tausende Ameisen auf seinem Körper tanzen würden. Dann wurde es um ihn herum unbeschreiblich hell und eisig kalt und es kam ihm so vor, als schwebte er völlig schwerelos durch einen nur aus hellem Licht bestehenden, riesigen Raum. Die Zeit schien unterdessen stehenzubleiben, so dass er bald gar nicht mehr sagen konnte, wie lange er sich schon in dem Licht und diesem eigenartigen Schwebezustand befand. Irgendwann hatte er dann das Gefühl, nach unten zu fallen, erst ganz langsam und dann immer schneller. Aber diesmal erinnerte er sich daran, wie es beim letzten Mal gewesen war und trat ohne Schwierigkeiten aus dem Licht in die große Vorhalle auf der Insel Rocher d'Arlon, wo die Große Versammlung des Ordens von Arlon stattfinden würde.



Nachdem das geheime Versteck der G'Marborer zerstört war, hatten sich die Anhänger der Schwarzen Hexe erst einmal in alle Winde zerstreut. Der engere Kreis, zu dem neben der Hexe selbst und ihrer Tochter Isebelle auch Tomar von Eisenberg und einige andere skrupellose Zauberer gehörten, waren an einen Ort namens Orccan geflüchtet, nachdem sie ihren bisherigen Unterschlupf in die Luft gesprengt hatten. Orccan war ein ganz besonders finsterer Ort. Ein weit verzweigtes Netz von unterirdischen Stollen, Höhlen und Kammern, die sich über mehrere Etagen erstreckten und von außen überhaupt nicht als solche zu erkennen waren, bildeten die Basis. In deren Zentrum stand ein riesiger, schwarzer Turm, dessen Fuß in einen überaus dichten und undurchdringlichen Nebel gehüllt war, so dass es den Anschein hatte, dass das Gebäude über dem Boden schweben würde. Im oberen Drittel des Turmes war ein Loch, so dass er fast wie eine übergroße Nadel aussah, die im Boden steckte. Weiterhin besaß er zwei Spitzen, die bizarr in den Himmel stachen. Von ihnen wurde ein magischer Schild gespeist, der den Turm und alles, was dazugehörte, vor den Augen einfacher Menschen und vor allem vor der Entdeckung durch die Magister des Ordens von Arlon schützen sollte.

Doch dieser Schutz würde nach der Ansicht Cleora Mordanas, der Schwarzen Hexe, nur noch kurze Zeit benötigt werden, denn sobald sie das Siegel von Arlon sich zu eigen gemacht hätte, wäre ihre Macht so unermesslich groß, dass auch der Orden von Arlon mit samt seinen Magistern ihr keinen Widerstand mehr leisten könnte. Und dann sollte auch das zur schwarzen Magie gewandelte Siegel von Arlon als Siegel von G'Marbor in der Mitte des Turmlochs platziert werden, um so seinen finsteren Einfluss auszustrahlen. Aber nach wie vor gelang es ihr und Tomar von Eisenberg nicht, Adrians magisches Amulett, das er von seinem Großvater geerbt hatte, zu öffnen, um an den Schlüssel zu gelangen. Er würde die Truhe öffnen, in der das Siegel von Arlon eingeschlossen war. Deshalb ließen sie nichts unversucht, um Adrian zu finden und in ihre Gewalt zu bekommen. Tomar von Eisenberg hatte wieder seine Liburenschwärme losgeschickt und mehrere kleine Gruppen von Anhängern der Schwarzen Hexe waren ausgeschwärmt, um ihn zu suchen.

»Ich werde die Noxuren, die Kreaturen der Nacht, aufsuchen und gefügig machen.«, sagte Mordana zu von Eisenberg. Sie hatte ihn wieder einmal in ihr Zimmer hoch oben auf dem Turm gerufen, um über ihre dunklen Pläne zu sprechen und in Erfahrung zu bringen, ob es Neuigkeiten in Bezug auf die Suche nach Adrian geben würde.

»Sie werden eine prächtige Armee der Finsternis sein. Mit ihrem Schutz wird Orccan uneinnehmbar werden. Selbst Arlon wird es nicht wagen, G'Marbor anzugreifen, wenn SIE erst hier sein werden. Und selbst wenn ...«, schloss sie, hob ihre Schultern etwas und begann hämisch zu lachen.


Adrian wurde schon von Magnus erwartet, als er in der Eingangshalle ankam. Wie vermutet, war hier noch nicht viel los, da die Große Versammlung ja erst in zwei Tagen beginnen sollte. Nur ab und zu huschte jemand aus einer Tür in eine andere. Magnus führte Adrian einen langen Gang entlang, bis sie an einen alten Paternoster kamen, mit dem sie mehrere Etagen nach oben fuhren. Dass der alte Zauberer schwieg und nichts fragte, war Adrian im Moment ganz recht. Zu sehr war er in Gedanken noch mit Helmut - ihm fiel erst jetzt auf, dass er nicht einmal dessen Nachnamen kannte - und den Geschehnissen dort beschäftigt. Schließlich kamen sie in ein Zimmer, das dem Arbeitszimmer von Magnus in seiner Hütte wie ein Ei dem anderen glich.

»Ich ziehe es vor, in meinem Arbeitszimmer zu arbeiten. Ich bin halt ein alter Mann!«, sagte er mit einem Schmunzeln und fragte, »Wie war es bei Helmut?«

»Sie kennen ...«

»Ich denke, es ist an der Zeit, dass du nun DU zu mir sagst!«, unterbrach ihn Magnus lächelnd.

»Du kennst diesen Helmut?«, fragte Adrian etwas überrumpelt.

»Wer sollte Helmut Kroger nicht kennen?«, fragte Magnus überrascht, »Wenn du etwas brauchst, egal was, Helmut hat es! Aber erzähl mir von den Liburen, die dich schon wieder einmal angegriffen haben.«

»Wieso wissen sie ... ich meine, weißt du von den Liburen?« Es war ja wirklich erst ein paar Minuten her! So schnell kann doch nicht einmal unter Zauberern eine Nachricht verbreitet werden.

»Helmuts Lager ist ein Außenposten des Ordens von Arlon. Da wir wussten, dass du kommen wirst, haben wir alle Portalwächter, zu denen auch Helmut gehört, darüber informiert und sie gebeten, besonders wachsam zu sein. Als er dann die Liburen bemerkte und du angerannt kamst, war ihm alles klar und er hat mich sofort informiert. Aber nun erzähle mir erst einmal ganz genau, was tatsächlich passiert ist.«

Als Adrian alles erzählt hatte, machte Magnus ein besorgtes Gesicht und sagte nachdenklich, »Mordana und von Eisenberg kommen nicht weiter, soviel steht fest. Dein Großvater war eben ein Genie!«

»Sie m... ähh ... du meinst, die kommen nicht an den Schlüssel und damit auch nicht an das Siegel?«

»Genau! Das ist der gute Teil. Das Schlechte daran ist, dass sie nun aber auch wissen, dass sie DICH brauchen.«

Adrian hatte einen dicken Kloß im Hals stecken, als er vorsichtig nachfragte, »Und? ... Ich meine, das waren die doch auch früher schon ...«

»Das ist schon richtig. Aber jetzt, wo sie wissen, dass wir ihnen dichter auf den Fersen sind, als sie gedacht hatten, wird Mordana alle Hebel in Bewegung setzen, um an das Siegel zu kommen. Und du weißt ja, sie kennt keine Skrupel ...«

Magnus hielt für einen Moment inne, bevor er dann fortsetzte, »Mich beunruhigt aber, dass dich die Liburen so überaus schnell finden konnten. Der Zauber, der das Haus deiner Eltern schützt, ist für sie undurchdringbar. Und so ist es auch mit dem Auto, mit dem dich deine Mutter nach Berlin gebracht hatte, da es quasi zum Haus gehört. Also hatten sie nur die kurze Zeitspanne von dem Moment an, als du ausgestiegen warst bis zu deiner Entdeckung.«

»Aber das waren doch nicht einmal dreißig Minuten!«

»Das ist es ja, was mich etwas beunruhigt. Es könnte zwar auch Zufall gewesen sein, aber darauf sollten wir uns lieber nicht verlassen. Es ist stets besser, einen Schritt voraus und vorbereitet zu sein, als nur dann zu reagieren, wenn etwas passiert. Ich denke, wir haben einen kleinen Extrakurs vor uns, damit du lernst, dich effektiv vor den Liburen zu verbergen. Aber jetzt ...«, sagte Magnus lächelnd, »... gehen wir erst einmal zum Treffen der Magisteranwärter.«

Adrian lief mit Magnus wieder durch verschiedene Gänge, durchquerte auch ein paar größere Hallen, fuhr mit dem Paternoster noch einige Etagen nach oben, bis sie zu guter Letzt am Fuße einer Wendeltreppe ankamen. Das Besondere an dieser Treppe war aber, dass sie in der Mitte offen war und sich die Stufen wie eine Helix aus kleinen Absätzen an der Wand eines runden Turmes empor wanden. Dabei waren diese jedoch nur so breit, dass kaum mehr als eine Person darauf stehen konnte. Der freie Raum in der Mitte hingegen war riesig. Als Adrian einen Schritt in den Innenraum des Turmes machte und nach oben blickte, wurden ihm die Knie ganz weich. Von hier unten war kein Ende zu erkennen.

»W ... wie ... wie hoch geht es denn da hinauf?«, stotterte er ganz benommen.

»Das hängt ganz davon ab, wo man hin möchte.«, sagte Magnus schmunzelnd. Irgendwie musste es ihm wohl Spaß machen, wenn Adrian mit seiner Höhenangst Probleme bekam.

»Wie?«

»Dies ist der Endlose Turm. Nur wer weiß, wo er hin will und dort auch erwartet wird, findet sein Ende.«

»Und wer nicht?«, fragte Adrian, noch immer bleich im Gesicht.

»Der wird irgendwann merken, dass die Treppe des Endlosen Turmes eben ENDLOS ist. Aber zum Glück wissen wir ja, wo wir hin wollen und erwartet werden wir auch!«, antwortete Magnus mit einer Spur Ironie in seiner Stimme. Dann wurde er aber ernst und fragte, »Glaubst du, dass du das schaffst? Ich meine ...«

»Ich schaffe das!«, fiel ihm Adrian ins Wort. Im Vergleich zu der Brücke im Keller der Burg der Schwarzen Hexe, die er bei der Befreiung seiner Schwerster und von Magnus hatte überqueren müssen, schien das hier ja fast ein Kinderspiel zu sein. Schließlich war an einer Seite ja die Wand!

»Dann los!«, sagte der alte Zauberer, »Wir haben vierhunderteinundfünfzig Stufen vor uns. Und zähle genau mit! Du sagst, wenn wir da sind!«

Die ersten hundert Stufen waren gar kein Problem. Die Höhe war noch ertragbar, zumindest solange sich Adrian mit einer Hand an der Wand anhalten konnte.

... 197, 198, 199, 200 ...

Nach zweihundert Stufen versuchte er nur noch auf die Stufen zu schauen, um den Abgrund in der Mitte nicht sehen zu müssen. Obwohl Adrian ganz gut durchtrainiert war, wurde ihm mit der Zeit die Puste knapp. Doch Magnus lief trotz seines Alters, ohne langsamer zu werden. Deshalb biss Adrian lieber seine Zähne zusammen und kämpfte sich weiter.

... 253, 254, 255 ...

Der Schweiß stand Adrian auf der Stirn. 'Hoffentlich sind wir bald da!', war der einzige Gedanke, der Adrian noch durch den Kopf ging.

... 380, 381, 382 ...

Adrians Beine wurden immer schwerer. Doch Magnus lief ohne auch nur das geringste Anzeichen von Erschöpfung weiter.

... 419, 420, 421, 422 ...

Der Boden, von wo sie losgelaufen waren, war kaum noch als solcher zu erkennen, so hoch waren sie schon. Adrian bekam das aber gar nicht mit. In seinem Kopf drehte sich alles nur darum, die Stufe 451 zu erreichen. Dort musste dann endlich die Tür kommen.

... 444, 445, 446 ...

Noch konnte Adrian keine Tür erkennen, aber gleich mussten sie da sein. Noch einmal nahm er alle seine Kräfte zusammen, und schloss wieder zu Magnus auf, der zwischenzeitlich sogar ein paar Stufen Vorsprung gehabt hatte.

... 449, 450, 451!

»Stopp! ... Stopp!«, keuchte Adrian, »Wir ... sind ... da!«

»Gut! Du bist dir sicher, dass du richtig gezählt hast?«

»Ja ... bin ... ich!«

»Na dann los! Versuchen wir's!«, sagte Magnus und deutete mit der Hand auf die leere Mitte des Turms, doch Adrian verstand nicht so recht, was er von ihm wollte.

»Wo ist denn nun die Tür?«

»Welche Tür?«, entgegnete Magnus überrascht, »Ich habe nichts von einer Tür gesagt. Ahh, du verstehst noch nicht ganz, wie der Endlose Turm funktioniert?«

Adrian schüttelte seinen Kopf, obwohl er eine böse Vorahnung hatte.

»Wenn man auf der richtigen Stufe angekommen ist, tritt man einfach in die Mitte und schon ist man dort, wo man hin wollte.«

»Und wenn man nicht auf der richtigen Stufe steht?«, fragte Adrian, der noch immer schwer atmete. Magnus hob lächelnd seine Schultern und deutete nach unten. Als er Adrians Panik sah, ergänzte er trocken, »Aber heute ist unten ein Fangzauber da, so dass außer ein paar blauen Flecken nicht viel passieren sollte. So kann man es einfach ein zweites Mal probieren.«

»Ist das jetzt schon so etwas wie eine Prüfung?«, wunderte sich Adrian.

»Na, nicht gleich Prüfung! Aber daran sieht der Rat der Magister, wie gut jemand unter großer Anstrengung und Stress funktioniert!«

»Und du hilfst mir wirklich nicht dabei?«, fragte Adrian noch einmal nach, doch Magnus schüttelte den Kopf. Also trat Adrian kurzerhand an das Ende der 451sten Stufe, schloss seine Augen und ohne noch einmal nachzudenken oder zu zögern, machte er einen Schritt nach vorn ins Leere.


Es waren viele Monate vergangen, seit der Zwerg Sa'Ari mit Adrian und Magnus seine Kolonie verlassen hatte. Con'Or, der Druide hatte ihn damals ausgestoßen, weil er Adrian helfen wollte, indem er bereit war, ihm einen Zauberstab zu fertigen. Beinahe die ganze Kolonie hatte sich gegen ihn gestellt. Und so war er schweren Herzens fortgegangen ohne Hoffnung darauf, jemals wieder zurückkehren zu können. Doch jetzt, da Sa'Guor, sein Vater, von seinen Entführern befreit war, machten die zwei Zwerge sich auf den Weg, um in die Zwergenkolonie O'Ra zurückzukehren.

Außerdem kamen sie auch nicht mit leeren Händen. Die kleinen Käfer aus der magischen Legierung Magium, die nur von Zwergen hergestellt und bearbeitet werden kann, welche sie während ihrer Gefangenschaft in den Kellerverliesen der Burg der Schwarzen Hexe hergestellt hatten, ermöglichten ihnen, miteinander zu kommunizieren und ihre Sinne zu erweitern. Sa'Guor, dem einstigen Meisterschmied der Kolonie, gelang es auch, mit seinen Käfern Magie von Zauberern zu sammeln und dann selbst zu nutzen, was ihn zum ersten Zwerg überhaupt machte, der Magie beherrschen konnte.

Als die Beiden plötzlich auf dem Versammlungsplatz in der unterirdischen Höhle der Zwerge auftauchten, ohne dass die Wächter ihnen die Pforte geöffnet hatten, verbreitete sich die Neuigkeit wie ein Lauffeuer durch die ganze Kolonie. Innerhalb weniger Minuten waren nahezu alle Zwerge zusammengekommen, um zu erfahren, was passiert war. Als Letzter erschien Con'Or, der Druide. Als er Sa'Ari erblickte, verfinsterte sich sein Gesicht. Er musterte den jungen Zwerg von oben bis unten ohne ein Wort zu sagen. Dann schaute er Sa'Guor genauso lange prüfend an. Auf dem Versammlungsplatz herrschte unterdessen völlige Stille. Nur ab und an war ein leises Geräusch aus dem hinteren Teil der Höhle zu hören.

»Con'Or wundert sich, wie Sa'Ari die Dreistigkeit haben kann, hier einfach einzudringen wie ein Dieb und ...«

»SA'GUOR hat ihn hierher zurückgebracht!«, fiel der alte Zwerg dem Druiden ins Wort.

»Er gehört nicht mehr zur Bruderschaft!«, entgegnete der Druide wütend.

»Aber Sa'Guor gehört zur Bruderschaft! Und nur durch Sa'Aris Handeln konnte Sa'Guor aus der Hand der bösen Zauberer befreit werden.«

»Aber ...«, setzte der Druide erneut an, doch der alte Zwerg ließ ihn nicht zu Wort kommen, »Wenn jemand einen bedeutenden Dienst an der Bruderschaft leistet, steht es ihm auch zu, in der Bruderschaft aufgenommen oder wieder aufgenommen zu werden.«

Der Druide kochte vor Zorn. Wie konnte der Schmied es wagen, so mit ihm, dem Herrscher über diese Kolonie, zu reden. Unmöglich konnte er sich das gefallen lassen, ohne seine Macht und seinen Einfluss zu gefährden.

»Und welchen BEDEUTENDEN Dienst sollte Sa'Ari denn für die BRUDERSCHAFT DER ZWERGE geleistet haben?«, fragte Con'Or mit einem scharfen Unterton in seiner Stimme.

»Durch Sa'Ari konnte Sa'Guor befreit werden!«

Ein Raunen lief durch die Reihen der Zwerge. Der Druide lächelte für einen ganz kurzen Moment auf, dann wurde er wieder ernst und sagte verächtlich, »Sa'Guor meint, ihn zu befreien sei ein besonderer Dienst an der BRUDERSCHAFT?«

»Oh JA! Ganz sicher!«, antworte dieser selbstbewusst und schaute herausfordernd in die Gesichter der Zwerge. Sehr viele von ihnen nickten ganz leicht. Es war ihnen anzusehen, welch große Sympathie sie für die Zwei hatten. Sa'Guor war stets beliebt und sehr angesehen in der Kolonie gewesen. Und die Meisten waren ganz sicher nicht dagegen, Sa'Ari wieder in der Zwergenbruderschaft aufzunehmen, ja würden es sogar gut finden. Aber andererseits wagten sie auch nicht, offen gegen die Meinung des Druiden aufzutreten. Er war nun mal der Chef und hatte das Sagen. Und riskieren, dass man selbst mit Con'Or Probleme bekam, wollte natürlich auch keiner. Was mit Sa'Ari geschehen war, reichte vielen als Beispiel. Auch der Druide kam jetzt richtig in Fahrt. Und wenn er sich erst einmal persönlich angegriffen fühlte, war er wie ein verletztes, wildes Tier - gefährlich!

»Würde uns dann Sa'Guor die Ehre erweisen und uns an seinen Geheimnissen teilhaben lassen?«, spottete er gespielt neugierig. In diesem Moment gab es an der Stelle, wo bisher Sa'Guor gestanden hatte einen hellen Blitz und der Zwerg war verschwunden. Hatten die Zwerge zuvor nur leises Raunen von sich gegeben, schrien sie jetzt laut auf. Als es dann aber noch einen weiteren Blitz gab und Sa'Guor an einer anderen Stelle wieder aus dem Nichts auftauchte, brach ein regelrechter Tumult aus. Über dem allen schrie nun noch der Druide zu den Wachzwergen, »ERGREIFT SA'GUOR! ERGREIFT SA'GUOR!«

Gehorsam strömten von allen Seiten die kräftigen Wächter herbei und Sa'Guor war im Nu von mehreren Dutzend von ihnen umringt. Ganz langsam kamen sie auf ihn zu und bildeten mehrere immer enger werdende Kreise um ihn herum, die sich wie eine Schlinge zusammenzogen. Als sie nur noch wenige Schritte von ihm entfernt waren, lösten sich zwei Lichtpunkte von seiner Schulter und flogen in einem engen Bogen um ihn herum. Dabei spannte sich ein bläulich schimmernder Schleier auf und schloss den Zwerg wie unter einer Glocke ein. In der Höhle wurde es totenstill und alle warteten gespannt darauf, was wohl passieren würde. Nur das langsame Schlürfen der Füße der Wachzwerge war zu hören. Hunderte Augen richteten sich auf Sa'Guor, der einfach dastand und vor sich hin lächelte und sich mit einer Hand das Kinn rieb.

»ERGREIFT SA'GUOR ENDLICH!«, schrie der Druide noch einmal laut und sein Ruf hallte, vom Echo mehrfach wiederholt, über die Köpfe der Ansammlung hinweg.

Kurz vor dem Schleier stockte die Vorwärtsbewegung der Wächter noch einmal kurz, doch nach einem weiteren, wütenden Befehl von Con'Or liefen sie schließlich weiter und die Ersten berührten die Glocke. Im hohen Bogen wurden sie durch die Luft gewirbelt und landeten einige Meter entfernt benommen, aber ansonsten unverletzt auf dem Boden oder in der Menge der anderen Zwerge. Ein paar von Ihnen landeten auch in dem unterirdischen See und kamen tropfend aus dem Wasser geklettert. Auch den Nächsten erging es nicht anders, so dass schon bald niemand mehr wagte, sich ihm zu nähern.

»Die Zeiten, in denen uns Zwergen die Magie verwehrt war, ist nun vorbei!«, rief Sa'Guor der schweigenden Menge zu, wobei er gar nicht so laut sprechen musste, da vor Staunen nicht einmal Con'Or einen Ton herausbrachte, »Und DAS IST ein besonderer Dienst!«

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