Kapitel 3

Fantasy-Saga für Kinder, Jugendliche und Erwachsene

Kapitel 3

Kapitel 3: Auf der Großen Versammlung

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Obwohl sich Adrian schon sicher war, dass er richtig gezählt hatte, war ihm nicht so recht wohl bei dem Gedanken, einen Schritt in den Abgrund zu machen. Am meisten wunderte er sich aber über sich selbst, dass er kaum Probleme mit der Höhe gehabt hatte. Vorsichtig und mit geschlossenen Augen setzte er seinen Fuß in die Leere des Abgrundes. In seinen Gedanken stellte er sich dabei vor, einen realen Raum mit einem festen Fußboden zu betreten. Und tatsächlich verspürte er auch einen Widerstand unter seinem Schuh. Auch mit dem zweiten Fuß fand er festen Grund. Vorsichtig öffnete Adrian seine Augen einen winzigen Spalt. Unter ihn war nichts. Gar nichts! Er stand frei im Nichts. Unter ihm war ein fast endloser Abgrund, dessen Boden kaum noch zu erkennen war. Vor Scheck wurden seine Knie weich wie Gummi und nur mit Mühe konnte er sich auf den Beinen halten.

Magnus trat neben ihn auf den unsichtbaren Boden und legte ihm seinen Arm auf die Schultern. Ein helles Licht schloss die Beiden ein und im nächsten Moment fanden sie sich in einem bequem eingerichteten Raum wieder. Mehrere dick gepolsterte, helle Ledersessel mit hohen Lehnen standen um einen massiven Tisch aus weißem Marmor. An den hohen Wänden mit dunkler Textiltapete hingen unzählige Bilder mit Zauberern und Zauberinnen dicht an dicht in mehreren Reihen bis knapp unter die kunstvoll verschnörkelte Stuckdecke. Die räumlich wirkenden Gesichter blickten alle in die Richtung von Adrian, der sich erst einmal staunend umsehen musste und plötzlich wie versteinert stehen blieb und gebannt auf ein ganz besonderes Bild starrte. Seine Augen hatten das Bild seines Großvaters gefunden, das er aus dem Buch über die Geschichte des Ordens von Arlon bereits kannte.

»Das waren alles Magister des Ordens von Arlon?«, fragte er neugierig, ohne den Blick vom Bild seines Großvaters zu lösen.

»Herzlich willkommen im Memorium der Magister von Arlon! Es ist schön, dich endlich wiederzusehen! Geht es dir gut?«, wurde Adrian von Swør Larsen herzlich begrüßt, der in einem der bequemen Sessel saß. Neben ihm saßen noch zwei andere Magister.

»Äh ... ja ... Ich freue mich auch!« , antworte er und drehte sich schnell zu dem riesigen Zauberer um.

»Es ist sehr beeindruckend gewesen, mit welcher Entschlossenheit du dich der Treppe gestellt hast. Du hast erneut gezeigt, dass dein Wille stärker ist als deine Furcht. Ganz prima! Aber du solltest dir künftig etwas mehr Zeit nehmen, um nachzudenken. Bei so vielen Stufen kann man sich leicht einmal verzählen. Mit einem kleinen Abzählzauber wäre es vielleicht sicherer gewesen. Aber wie auch immer, du hast es gut gemeistert! Nimm bitte Platz, wir erwarten noch einen weiteren Gast.«

Adrian setzte sich in einen der Sessel und streifte mit seinen Augen weiter über die vielen Bilder der früheren Magister. Das mussten Hunderte gewesen sein. Besonders interessant waren die Bilder in den oberen Reihen. Die Gemälde zeigten Zauberer in sehr eigenartiger Kleidung. Die mussten vor hunderten, wenn nicht sogar vor tausenden Jahren gelebt haben. Und trotzdem schauten ihn die Gesichter so real an, als würden sie schon im nächsten Moment wieder lebendig werden, auch wenn sie jetzt starr und unbewegt waren. Noch in Gedanken versuchen, hatte Adrian den jungen Mann gar nicht mitbekommen, der mit Mboa Wilson Ubugma, einem der Magister, ebenfalls den Raum betreten hatte.

Er mochte vielleicht zehn Jahre älter sein als Adrian und war sehr schlank und einen halben Kopf größer. Den Gesichtszügen und seiner Hautfarbe nach zu urteilen, stammte er irgendwo aus Mittel- oder Südamerika. Sein langes, glattes, schwarzes Haar hing ihm bis auf die Schultern herab. Um die Stirn trug er ein dünnes Lederband, das seine Haare zusammenhielt. Seine komplette Kleidung schien aus weichem Wildleder gemacht zu sein. Über seinen Schultern hing eine Decke, die aus einem recht groben, schimmernden Stoff gefertigt und die über und über mit einem sich wiederholenden Muster bestickt war. Um seinen Hals trug er eine Kette aus Bärenkrallen und einigen großen, weißen Zähnen.

Sein etwas kantiges Gesicht strahlte trotz seiner markanten Züge noch immer etwas Jugendliches aus. Die fast schwarzen Augen zuckten außerordentlich schnell hin und her, als ob er alles zur gleichen Zeit beobachten wollte. Obwohl der junge Mann noch immer recht tief atmete - auch er hatte ganz offensichtlich gerade die Endlose Treppe hinter sich - versuchte er etwas zu lächeln und trat näher an den Tisch heran.

»Juan Juárez Sanchéz! Wir begrüßen dich ganz herzlich im Memorium der Magister von Arlon.«, wurde er ebenfalls von Swør Larsen willkommen geheißen. Auch Adrian war von seinem Platz aufgestanden und schüttelte seinem Mitanwärter die Hand. Sofort hatte er das eigenartige Gefühl, ihn schon länger zu kennen, obwohl er ihn tatsächlich erst vor ein paar Minuten das erste Mal gesehen hatte. Juan schien es ähnlich zu ergehen. Nachdem alle Platz genommen hatten, begann Larsen zu sprechen.

»Adrian, Juan. Wir heißen euch noch einmal im Namen aller Magister willkommen. Ihr beide seid vorbereitet worden, die Stellen zweier großer Zauberer, die im Rat der Magister gewirkt haben, einzunehmen. Weitere werden übermorgen von der Großen Versammlung des Ordens gewählt.«

Adrian und Juan schauten sich spontan fragend an. Doch der Magister ließ ihnen gar keine Zeit, intensiver darüber nachzudenken und setzte mit seiner Rede fort. Er sprach über die Geschichte des Ordens von Arlon, über die Bedeutung und Aufgaben der Magister, und, und, und ... Nach einiger Zeit wurden Adrians Augen langsam schwer, aber Larsen redete immer weiter. Dann wechselten sich die Magister ab und ein Anderer erzählte ohne Unterbrechung weiter. Seine Stimme war noch monotoner als die von Larsen. Und er erzählte und erzählte und erzählte ... Nur mit großer Mühe konnten sich die beiden jungen Männer noch munter halten. Es mussten schon mindestens zwei oder drei Stunden vergangen sein, als Juan plötzlich mit seinem Kopf auf dem Tisch aufschlug. Er war dadurch natürlich schlagartig wieder hellwach und während sich sein Gesicht feuerrot verfärbte, schaute er sich verlegen um.

Die Magister lächelten sich nur kurz zu und Larsen ergriff wieder das Wort. »Nachdem ihr genug Gerede über Euch ergehen lassen habt - und vielleicht ist ja doch etwas hängen geblieben - «, sagte er schmunzelnd, »möchten wir euch jetzt mitteilen, wer eure Tutoren sein werden. Juan, dein Tutor wird Magister Ubugma sein. Und der Tutor von Adrian werde ich sein. Für den Rest des Tages werdet ihr individuell vorbereitet und geschult. Morgen früh treffen wir uns wieder gemeinsam hier.«

Nach einer kurzen Verabschiedung ging Adrian mit dem riesigen Zauberer in einen anderen Raum. Die ganze Einrichtung war wesentlich größer als üblich. Adrian hatte schon Mühe, über den Tisch zu blicken und kam sich wie ein kleines Kind vor. Aber für Swør Larsen schien alles perfekt zu passen. Adrian kletterte auf den Stuhl, den er ihm anbot und der Zauberer setzte sich ihm gegenüber in einen monströsen, dunkelbraunen Ledersessel und schaute Adrian schweigend an.

»Helmut hat uns zwar schon von dem erneuten Liburenangriff erzählt,«, begann er ohne jegliche Einleitung, »Aber vielleicht berichtest du mir noch einmal so genau wie möglich, was passiert ist.«

Adrian wiederholte seinen Bericht, den er bereits Magnus gegeben hatte und Swør Larsen hörte geduldig zu, ohne ihn zu unterbrechen. Schließlich antworte er, »Sehr interessant! Sehr interessant! Die scheinen wirklich sehr hinter dir her zu sein. Aber gut! Ich weiß, was wir dagegen tun werden. Als dein Tutor bin ich für dich da, solange du damit beschäftigt bist, die Prüfungen zu erfüllen. Du magst dich vielleicht gerade fragen, warum gerade ich dein Tutor bin und warum nicht Magnus?« Adrian hob nur leicht seine Schultern und so setzte Swør Larsen fort, »Die Tutoren dürfen den Magisterkandidaten nicht zu persönlich kennen. Und da Magnus dein Lehrer ist, konnte er nicht auch gleichzeitig dein Tutor werden. Aber ich freue mich wirklich, dein Tutor sein zu können.«

Der Magister erklärte dann noch, dass die Tutoren zwar gelegentlichen Kontakt mit ihren Schützlingen pflegen könnten, aber bei der eigentlichen Erfüllung der Prüfungen nicht helfen dürfen. »Aber zu deinem Schutz vor weiteren Übergriffen der Liburen, werde ich dir ein paar besondere Tarn-, Schutz- und Abwehrzauber beibringen.«

Den Rest des Tages waren sie damit beschäftigt, diese neuen Zauber zu üben. Und obwohl Adrian eigentlich schon recht geschickt bei der Anwendung von schwierigen Zaubern war, dauerte es eine ganze Weile, bis er sie endlich halbwegs beherrschte. Es war schon spät am Abend, als Larsen die Übung beendete und Adrian zu seinem Zimmer brachte. Adrian aß noch kurz etwas von den leckeren Speisen, die auf einem kleinen Tischchen aufgetürmt waren und fiel, ohne auch noch irgendetwas anderes zu tun, auf sein Bett und schlief sofort tief ein.


Es begann gerade erst zu dämmern, als Adrian wieder erwachte. Der kleine Tisch in seinem Zimmer war schon wieder mit allen möglichen leckeren Speisen gefüllt. Als er nach einer kleinen Stärkung vor die Tür seines Zimmers trat, traf er auf Juan, der fast im gleichen Moment aus dem Nachbarzimmer herauskam. Gemeinsam machten sie sich dann auf den Weg in Richtung Endloser Turm. Am Fuße der offenen Wendeltreppe angekommen, schaute Adrian etwas missmutig in die Höhe und murmelte, »Und noch einmal vierhunderteinundfünfzig Stufen...« Juan nickte schweigend und beide machen sich auf den Weg nach oben. Auf halber Strecke machten sie eine kurze Verschnaufpause, bevor sie den Rest der Strecke angingen. Dann waren sie endlich da. Juan lief aber noch zwei Stufen weiter als Adrian und wollte schon einen Schritt ins Nichts tun.

»Stopp!«, hielt ihn Adrian zurück, »Ich glaube, du bist etwas zu weit.«

»Ich denke nicht!«, antwortete er bissig, fast etwas beleidigt und setzte seinen Fuß in die Mitte des Turmes. Aber anstatt festen Halt zu finden, stürzte er kopfüber in die Tiefe. In sein Gesicht, in das Adrian für einen kurzen Moment blickten konnte, war zwar Entsetzten geschrieben, aber er schien sich so sehr unter Kontrolle zu haben, dass nicht einmal der Anflug eines Schreis über seine Lippen kam. Adrian blickte ihm besorgt hinterher. Ganz vorsichtig beugte er sich über den Rand der Stufe, auf der er gerade stand, konnte aber nicht wirklich etwas erkennen. Sollte er noch einmal nach unten laufen und schauen, ob mit Juan alles in Ordnung war? Oder sollte er einfach allein ins Memorandum gehen? Schließlich hatte er Juan ja gewarnt! Und überhaupt, hatte er selbst denn richtig gezählt?

Letztendlich entschloss sich Adrian dafür, doch noch einmal nach unten zu laufen. Als er fast unten angekommen war, kam ihm Juan schon wieder entgegen.

»Du? Wieso kommst du denn wieder herunter?«, fragte dieser verwundert.

»Ich ... ich wollte ... nur schauen, ob mit dir alles in Ordnung ist.«, antwortete Adrian verlegen. Auf einmal kam es ihm schon irgendwie blöd vor, noch einmal zurückgelaufen zu sein.

»Wirklich?«, fragte Juan ganz kleinlaut, strecke Adrian seine Hand entgegen und sagte, »Danke. Du bist ein guter Freund!«

Im zweiten Anlauf schafften sie es dann auch gemeinsam und kamen völlig erschöpft und außer Atem im Memorium an, wo sie schon von den Magistern erwartet wurden. Fast den ganzen Vormittag wurden sie in die Aufgaben und den Kodex der Magister und des Ordens von Arlon eingeführt bis die Beiden fast das Gefühl hatten, dass jeden Moment ihr Kopf zerspringen würde. Dann übten sie wieder mit ihren Tutoren. Als dann gar nichts mehr ging, lud Swør Larsen sie zu einer Tour durch den ganzen Stützpunkt, den die Insel Rocher d'Arlon darstellte, ein, was Adrian und Juan natürlich mit Begeisterung annahmen.



Camille und ihre Großmutter Myritha waren vor ein paar Tagen wieder in ihrer kleinen Berghütte angekommen. Die letzten Wochen hatten sie bei Samiras Familie verbracht. Doch jetzt genossen die Beiden wieder die Ruhe und Abgeschiedenheit auf der einsamen Bergwiese. Hier oben in den Bergen lag noch immer meterhoch Schnee, so dass von der Hütte kaum viel mehr als nur das Dach zu sehen war. Ein paar Pfade, die tief in den hohen Schnee gegraben waren, führten zu der Hütte hin beziehungsweise von ihr weg, so dass sie aus der Ferne fast wie eine übergroße Spinne mit langen Beinen aussah. Auch der Garten der magischen Pflanzen war fast komplett vom Schnee zugedeckt. Nur an ein paar Stellen waren Löcher in den Schnee geschmolzen, aus denen zuweilen etwas Dampf aufstieg.

Den magischen Ring, den Camille von der sterbenden Zauberin Vioala Armedana erhalten hatte, trug sie seitdem an ihrer rechten Hand. Sie konnte zwar noch nicht so genau sagen, worin die besondere Macht des Ringes bestehen sollte, aber immer, wenn sie ihn trug, fühlte sie sich wirklich gut. Ihr ganzes Äußeres schien davon berührt zu sein. Samira und auch Tom hatten gesagt, dass sie etwas jugendlich Frisches aussprühte, ganz anders als früher, als sie oft etwas in sich gekehrt gewesen war. Ob das wohl an dem Ring lag? Sie wusste es nicht! Aber gut fühlte es sich trotzdem an.

Camille war die letzten Tage schon ganz aufgeregt gewesen, da sie von ihrem Großvater die Erlaubnis und Einladung bekommen hatte, bei der kommenden Großen Versammlung des Ordens von Arlon dabei sein zu können. Bisher hatte sie davon immer nur spannende Geschichten gehört. Doch jetzt würde sie endlich auch mit dabei sein! Ganz besonders freute sie sich aber darauf, Adrian wiederzusehen. Anfänglich hatte sie ihn ja überhaupt nicht ausstehen können. Aber nach den Geschehnissen der letzten Monate waren sie richtig gute Freunde geworden. Und vielleicht sogar noch etwas mehr als das! Am Abend vor der Großen Versammlung kam dann auch Magnus nach Hause in die Berghütte auf der zugeschneiten Bergwiese. Nachdem sie zusammen vor dem gemütlich brennenden Kamin gesessen und allerlei Neuigkeiten ausgetauscht hatten, gingen sie früh zu Bett, da sie am nächsten Tag schon sehr früh aufbrechen mussten, um rechtzeitig auf Rocher d'Arlon anzukommen.

Am frühen Morgen starteten sie schon lange vor Sonnenaufgang. Da es in der Nacht wieder geschneit hatte, war es recht beschwerlich, sich den Weg durch das Tal zu bahnen. Magnus hatte einen Luftwirbelzauber erzeugt, der wie ein kleiner Tornado vor ihnen entlang zog und einen schmalen Graben in den zum Teil meterhohen Schnee fräste. Trotzdem war es bei der Kälte und dem eisigen Wind hier draußen äußerst unangenehm. Als sie den Bereich des Schutzzaubers endlich hinter sich gelassen hatten, öffnete Magnus ein Lichttor, durch das sie hindurchgingen, um zum nächstmöglichen magischen Portal zu gelangen, das sie zum Zentrum des Ordens, der Insel Rocher d'Arlon, brachte.


Adrian war schon ganz zeitig am Morgen aufgewacht und war sofort hellwach bei dem Gedanken daran, was wohl in ein paar Stunden alles passieren würde. Also zog er sich an, aß etwas von den leckeren Speisen, die wie immer auf dem kleinen Tischchen für ihn bereit lagen und schaute dann auf den Gang hinaus, um zu sehen, ob schon etwas los war. Und auch diesmal trat beinahe im gleichen Moment Juan aus seiner Tür. Gemeinsam liefen sie in das große Foyer. Trotz der frühen Stunde herrschte hier schon ein reges Treiben. Zauberer aus aller Welt kamen mittels der Portale an. Die Zwei standen etwas abseits und beobachteten das bunte Treiben, als Adrian plötzlich eine vertraute Stimme seinen Namen rufen hörte. Mit allem Möglichen hatte er zwar gerechnet, aber nicht damit, dass Camille hier sein würde. Aus einiger Entfernung kommend, bahnte sie sich den Weg durch die Menge und kam, gefolgt von ihrem Großvater, auf Adrian zugerannt. Als sie endlich angekommen war, fiel sie ihm ohne zu warten um den Hals und sagte kein Wort. Sie stand einfach da und drückte ihn ganz fest an sich.

»Es ist ja fast so, als ob ihr euch Ewigkeiten nicht gesehen habt! Da ist es ja gut, dass ich dich mitgebracht habe.«, sagte Magnus lächelnd zu Camille, die sich mit rotem Gesicht und verlegenem Lächeln von Adrian gelöst hatte und nun etwas unbeholfen neben ihm stand.

»Du ... du siehst ... richtig gut aus.«, platze es aus Adrian heraus und ihr Gesicht wurde zusehends noch etwas roter. Aber Adrian wechselte gleich das Thema.

»Darf ich vorstellen? Juan, das ist Camille Jonson ... Camille, das ist Juan ... eben Juan.« Adrian fiel nicht mehr ein, wie er noch hieß.

»Juan Juárez Sanchéz.«, sagte dieser und hielt ihr seine Hand hin, während Cami sie ergriff und ihn anlächelte. Adrian spürte dabei ein eigenartiges Kribbeln im Bauch, ließ sich aber nichts anmerken.

»Cami, wir müssen jetzt schon mal los.«, meldete Magnus sich wieder zu Wort, »Ihr trefft euch dann heute Abend ja schon wieder. Und ihr Beiden werdet bestimmt auch bald von euren Tutoren abgeholt.«

Camille griff zum Abschied noch einmal kurz Adrians Hand und verschwand dann mit ihrem Großvater in der Menge. In der Zwischenzeit kamen immer mehr Zauberer in der Eingangshalle an. In Adrian staute sich die Anspannung weiter an. Aber auch Juan schien ziemlich stark aufgeregt zu sein, auch wenn er äußerlich beinahe teilnahmslos wirkte, doch seine Augen sprangen wieder wie wild hin und her, als würde er versuchen, überall gleichzeitig hinzuschauen. Und mit seinen Fingern spielte er nervös mit einem kleinen Stöckchen herum. Viele von den Vorübergehenden nickten Adrian aufmunternd zu und ab und an kam auch jemand direkt zu Adrian und begrüßte ihn. Einige erkannte er wieder, sie waren beim Angriff auf das Versteck der Schwarzen Hexe mit dabei gewesen, andere wiederum kannte er gar nicht. Juan hingegen schien von den Leuten überhaupt nicht wahrgenommen zu werden. Nur einmal kam eine alte Indianerfrau vorbei und unterhielt sich mit ihm für eine Weile in einer fremden Sprache.

Als der Ansturm langsam nachließ, kamen endlich die Magister Swør Larsen und Mboa Ubugma und holten die beiden Anwärter ab. Sie liefen einen schmalen Gang hinunter, bis sie in ein Zimmer mit sieben leuchtenden Torbögen kamen. Nach ein paar letzten Erläuterungen, die Adrian vor Aufregung fast nicht mitbekam, traten sie durch eine der leuchtenden Türen. Augenblicklich fanden sie sich in einer der Logen im Beratungssaal des Ordens von Arlon wieder. Die Wände waren über und über in vielen Ebenen mit kleinen Balkonen übersät, in denen sich Menschen verschiedenster Herkunft versammelt hatten. Nicht wenige von ihnen trugen sonderbare Kleidung. Soweit es Adrian überblicken konnte, waren alle Logen besetzt. Ein paar bekannte Gesichter meinte er zwar zu erkennen, doch die Meisten waren ihm unbekannt. In einem der Nachbarbalkone entdeckte Adrian plötzlich Camille, die ebenfalls zu ihm herüber blickte und ihm zulächelte.

Als Magister Larsen aufstand, verstummten auch noch die letzten Gespräche und für einige Zeit herrschte völlige Stille. Dann begann der riesige Däne seine Eröffnungsrede.

»Zauberinnen und Zauberer des Ordens von Arlon! Es ist mir eine ganz besondere Ehre, Sie zu einer weiteren Großen Versammlung willkommen zu heißen, wo sich hunderte Zauberinnen und Zauberer aus aller Welt zusammengefunden haben. Ich werde auch gar nicht lange drumherum reden ...«, begann er ohne Umschweife, »G'Marbor, und allen voran Cleora Mordana, die Schwarze Hexe, haben wieder begonnen, ihre finstere Macht auszubauen. Sie sammeln die Scharen der Zauberer und Hexen, die sich der dunklen Seite der Magie zugewandt haben. Bis vor wenigen Wochen, als deren Unterschlupf von Magnus Jonson und zuvor schon von Hermer Pallmer entdeckt worden war, haben viele von uns gehofft, dass die Gerüchte, die sich um G'Marbor ranken, falsch sein mögen. Aber...«, Larsen machte eine Pause und eine bedrückende, knisternde Ruhe erfüllte den Raum. Nach einer Weile setzte er fort, »ABER jetzt ist es Gewissheit: SIE haben das Siegel von Arlon! Noch ist es sicher verschlossen in seiner Truhe, aber die Schwarze Hexe und der Verräter Tomar von Eisenberg haben es in ihrem Besitz. Und sie werden nichts unversucht lassen, die Macht des Siegels für sich zu gewinnen, ja, sie an sich zu reißen!«

Ein Raunen ging durch die Logen und einige der anwesenden Zauberer begannen, leise miteinander zu tuscheln. Swør Larsen wechselte einen Blick mit den anderen Magistern, schien aber noch auf irgendetwas zu warten. Im Saal wurde es unterdessen immer lauter. Viele der Anwesenden diskutierten nun schon laut miteinander. Aber der Magister schwieg. Die Lautstärke wuchs weiter an. Es war nun schon fast so laut wie auf einem belebten Bahnhof. Aber Larsen wartete noch immer. Plötzlich verstummten, wie auf ein unsichtbares Zeichen hin, sämtliche Gespräche und alle Augen richteten sich auf den riesigen Magister, der noch immer bewegungslos in seiner Loge stand und abwartete. Ganz langsam hob er nun seine rechte Hand in die Höhe und ein dünner Lichtstrahl ging von seinem magischen Ring aus in Richtung der Mitte des Saales. Das Wappen des Ordens von Arlon, das im Boden eingelassen war, erstrahlte in einem gleißend hellen, goldenen Licht.

»Es ist jetzt die Zeit gekommen, wo sich der Orden von Arlon bewähren muss! Es reicht nicht aus, dass wir das Gute wollen, wir müssen auch dafür eintreten! Igor Kronovitsch Marenkin, der bisherige oberste Magister war dieser Herausforderung nicht mehr gewachsen und hat sich, auf eigenen Wunsch, aus dem Rat der Magister zurückgezogen. Die verbliebenen Magister haben mich, Swør Larsen, gebeten, die kommissarische Führung zu übernehmen. Es ist nun die Verantwortung der Großen Versammlung, den neuen Obersten Magister zu bestimmen.«

Nach dieser kurzen Einführung erschienen die vier verbliebenen Magister plötzlich aus dem Nichts in der Mitte des Saales, genau an der Stelle, wo das Wappen im Boden noch immer hell leuchtete. Als erster kam Swør Larsen, dicht gefolgt von Mboa Ubugma, Magnus Jonson und Yoshika Tikuchi. Auf ein Zeichen Larsens hin hoben die Zauberer in den Logen ihre Zauberstäbe, Zauberringe und Amulette in die Höhe und unzählige Lichtpünktchen flogen wie leuchtende Sternenschweife auf die Magister zu und hüllten sie in eine flimmernde Wolke ein. Aber schon bald konzentrierte sich die Wolke um Swør Larsen, der somit auch von den Zauberern des Ordens zum obersten Magister bestimmt wurde. Zurück in seiner Loge bedankte er sich, fast wie ein Politiker nach einer gewonnenen Wahl, und sprach über die Dinge, die er erreichen wollte, was alles zu tun sei und, und, und ...

Adrians Aufmerksamkeit ließ schnell nach und seine Gedanken wanderten ziellos in den Erinnerungen der letzten Tage und Wochen umher und er malte sich aus, was wohl jetzt bald alles noch passieren werde, als er plötzlich seinen Namen hörte.

»... Adrian Pallmer und Juan Juárez Sanchéz.« Adrian hoffte, noch etwas mehr zu hören, aber der Magister schien mit dem, was er zu sagen hatte, fertig zu sein. Hunderte Augen richteten sich auf die beiden jungen Männer und da Juan von seinem Platz aufstand, erhob sich auch Adrian. Wie konnte es nur sein, dass er von dem Teil der Rede, der ihn betraf, überhaupt nichts mitbekommen hatte? Fragend blickte er zu Magister Larsen, seinem Tutor, um vielleicht doch noch irgendwie herauszubekommen, was er jetzt tun sollte. Aber der schaute gerade in eine andere Richtung. Als Adrian sich weiter hilfesuchend umschaute, trafen sich seine mit Camilles Augen. Und obwohl sie gar nichts sagte, fühlte er sich augenblicklich eigenartig beruhigt und wartete einfach ab, was wohl als Nächstes geschehen würde. Cami schien ihren Einfluss zu spüren und ein flammendes Lächeln flog über ihr Gesicht. Adrian durchfuhr es heiß und kalt gleichzeitig und er wäre am liebsten zu ihr hin gelaufen, doch Larsen setzte wieder zum Sprechen an.

»Adrian Pallmer und Juan Juárez Sanchéz wurden von den ehemaligen Magistern Hermer Pallmer und Vioala Armedana als ihre Nachfolger bestimmt. Sie wurden ausgebildet und haben sich bereit gemacht, trotz ihrer Jugend die Prüfungen des Rates der Magister zu absolvieren.«

Applaus und anerkennende Zurufe fluteten den riesigen Saal, doch Magister Larsens wuchtige Stimme übertöne den Lärm, als er weitersprach.

»Doch es sind weitere Positionen in Rat der Magister zu besetzten. Zum einen muss Igor Marenkin, der seinen Platz im Rat verlassen und keinen Nachfolger bestimmt und ausgebildet hat, ersetzt werden. Weiterhin hat der Rat der Magister mit Blick auf das Erstarken G'Marbors beschlossen, auch weitere Protektoren des Ordens neu zu berufen, um seine Kraft noch besser zu bündeln. Somit sind also mindestens weitere vier Anwärter gefragt.«

Diese Mitteilung führte dazu, dass es im Saal laut wurde. Aber Larsen wartete geduldig, bis sich die Aufregung wieder etwas gelegt hatte, bevor er weitersprach.

»Alle Magierinnen und Magier, die sich bei der letzten Großen Versammlung schon vorgestellt haben und noch immer das Ziel haben, in den Magisterrat einzutreten oder Protektor zu werden, bitten wir, sich hier vor den Logen der Magister einzufinden!«

Es dauerte nur wenige Augenblicke und die Eingangstür zum Saal öffnete sich, und drei Zauberer traten herein und liefen schnurstracks auf die Loge zu, in der der neue oberste Magister stand. Adrian erkannte zwei von ihnen sofort wieder. Der Erste hatte ein schmales Gesicht, aschfahle, lange Haare und trug eine dunkle Robe. Mit beiden Händen trug er eine Art Zepter vor sich her, an dessen Oberseite mehrere große Edelsteine prangten. Um seinen Hals hing eine mächtige Goldkette und an seinen Fingern steckten mehrere Ringe aus Gold. Über dem Zepter tanzte ein kleiner Minitornado. Adrian hatte mit ihm kurz gesprochen, als sich viele Zauberer des Ordens von Arlon bei den Jonsons in den Bergen gesammelt hatten, um gegen G'Marbor vorzugehen und Magnus zu befreien, was ja schließlich gelungen war. An den Namen konnte er sich aber nicht mehr erinnern.

Den Zweiten erkannte Adrian an seinem auffälligen Äußeren wieder. Seine Haare standen wild in alle Richtungen und schillerten in sämtlichen Farben des Regenbogens. An den Fingern seiner Hände trug er unzählige Ringe aus leuchtendem Metall - ganz offensichtlich aus Magium. Zusammen mit seiner schwarzen Lederkleidung und seinen abgenutzten Stiefeln sah er eher aus wie ein Punker als wie ein Zauberer. Über seiner ausgestreckten Hand flog ein riesiger Wassertropfen und vollführte dabei allerlei Bewegungen. Er hatte dem Anschlag bei der letzten Großen Versammlung, als die magischen Blitze des Angreifers völlig unkontrolliert durch den Raum schossen, mit einer großen Wasserkugel, die die Blitze verschluckte, ein Ende gesetzt. Und auch bei dem Angriff gegen die Schwarze Hexe war er mit dabei gewesen.

Den dritten, äußerlich völlig unscheinbaren, Zauberer erkannte Adrian erst, als eine Flamme aus seinen Händen schoss und ihn wie ein Satellit umkreiste. Es war der Magier, der das Feuer fast perfekt beherrschen konnte und bei der letzten Großen Versammlung ebenfalls eine spektakuläre Vorstellung gegeben hatte. Kurz bevor die drei bei der Loge des obersten Magisters ankamen, gesellte sich zu ihnen ein kleiner, weißer Vogel, der von einem der obersten Balkone geflogen kam. Bei der Loge angekommen, stürzte er plötzlich zu Boden und verwandelte sich dabei in eine kleine Zauberin mit asiatischem Aussehen und rötlich goldenen Haaren, die so lang waren, dass sie fast den Boden berührten. Auch sie erkannte Adrian sofort wieder als die Meisterin der Transfiguration, die sich scheinbar spielend in alle möglichen Tiere verwandeln konnte.

Mit einem Tarnzauber, den er ja recht gut beherrschte, verschwand Adrian plötzlich aus dem Blickfeld der Anwesenden, sprang über das Geländer der Loge, die zum Glück nicht weit vom Boden entfernt war und lief zu den vier Kandidaten, die nun vor der Loge Larsens standen. Bei ihnen angekommen, entfernte er den Tarnzauber und wurde wieder für alle sichtbar. Juan war ebenfalls nicht mehr zu sehen. Dafür flog ein kleines hellbraunes Flughörnchen geräuschlos hinter Adrian her. Nur ein paar Armlängen von ihm entfernt, begann es, wie zuvor der kleine weiße Vogel wie ein Stein zu Boden zu fallen. Doch kurz vor dem Aufschlag, verwandelte es sich zurück in Juan, der mit einem winzigen Lächeln die verbleibenden zwei Schritte auf Adrian und die Anderen zulief. Von den Rängen ertönte ein anerkennendes Raunen, was von der wuchtigen Stimme des gigantischen obersten Magisters unterbrochen wurde.

»Gibt es weitere Magier, die den Wunsch haben, den Rat der Magister des Ordens von Arlon zu verstärken, oder die sich geeigneter fühlen als diese sechs außergewöhnlichen Zauberinnen und Zauberer?«

Adrians Herz klopfte so stark, als wollte es aus seiner Brust springen. Er hatte das Gefühl, als ob sich hunderte Augen nur auf ihn richteten. 'Außergewöhnliche Zauberer', hatte Swør Larsen gesagt. Damit konnte er nur die anderen gemeint haben und nicht ihn! Schließlich war Adrian noch fast so etwas wie ein Anfänger! Natürlich hatte er in den letzten Monaten extrem viel gelernt und so einiges konnte er ja auch schon recht gut. Aber im Vergleich zu den anderen Anwärtern fühlte er sich wie ein Nichts. Wie ein Amateur unter Profis! Vielleicht war es doch keine so gute Idee gewesen, sich hier zu bewerben, schoss es ihm durch den Kopf. Egal, ob er von seinem Großvater ausgewählt worden war oder nicht! Doch jetzt gab es kein Zurück mehr. Jetzt musste er eben einfach versuchen, sein Bestes zu geben. Ein Blick auf Juans Gesicht zeigte ihm aber, dass diesen scheinbar ähnliche Gedanken plagten.

»Die Auswahl der neuen Mitglieder des Magisterrates wird getroffen, wenn alle Kandidaten ihre vier Prüfungen bestanden haben und dadurch ihre besondere Eignung und ihre herausragenden Fähigkeiten unter Beweis gestellt haben.«, begann Mboa Ubugma auf ein Zeichen des obersten Magisters hin, »Die Prüfungen sind keine gewöhnlichen Prüfungen! Es geht dabei nicht um Wissen, zumindest nicht nur! Dabei werden die Kandidaten bis an ihre allerletzten Grenzen gefordert! Sie werden Geschick und höchstes Können abfordern, ebenso Geduld, Ausdauer und heldenhaften Mut. Nicht wenige herausragende Magier, die glaubten, dem gewachsen zu sein, haben dabei aufgegeben und mussten sich eingestehen, dass sie nicht stark genug dafür waren. Außergewöhnliches wird von ihnen gefordert werden! Und ich möchte nicht verschweigen, dass es auch gefährlich sein kann. So manch einer ist nicht von seiner Reise zurückgekehrt! Diejenigen, die sich diesen Prüfungen gestellt und sie gemeistert haben, sind als Helden zurückgekehrt. Nicht etwa, dass sie dabei Andere besiegt hatten. Nein, weil sie sich selbst besiegt hatten, weil sie durchgehalten hatten, weil sie großen Gefahren getrotzt hatten, weil sie ihre Grenzen erweitert hatten - kurz - weil sie zu echten Meistern geworden waren. Sollte jemand der Kandidaten nicht aus seinem freien Willen und aus eigener Entscheidung diese Entbehrungen und Gefahren auf sich nehmen oder sich aus einem anderen Grund dem nicht unterwerfen wollen, so mag er jetzt zurücktreten, bevor die Prüfungen bekanntgegeben werden.«

Absolutes Schweigen erfüllte die riesige Halle. Es hatte den Anschein, dass alle Anwesenden die Luft anhielten in Erwartung dessen, was passieren würde. Schiere Anspannung war auf allen Gesichtern der Kandidaten zu erkennen. Adrian hatte das ungute Gefühl, als müsste er vor Druck gleich explodieren. Juan, der direkt neben Adrian stand, lief der Schweiß in Strömen die Stirn herunter und sammelte sich in großen Tropfen über seinen Augenbrauen. Aber auch die anderen Vier kämpften erkennbar mit ihrer Nervosität.

Nach einer unerträglich langen Pause setzte Ubugma fort, »Da sich alle entschieden haben, diesen engen, schmalen und steinigen Pfad zu betreten, sind wir nun bereit für die Auswahl der Aufgaben.«

 

ENDE DER LESEPROBE

 

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