Kapitel 2

Fantasy-Saga für Kinder, Jugendliche und Erwachsene

Kapitel 2

Kapitel 2: Großvaters Vermächtnis

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In den folgenden Tagen merkte Adrian dann auch, wie richtig diese Einschätzung war. Sein Vater und auch seine Mutter sprachen den Vorfall zwar in keinster Weise an, aber Adrian hatte fortan ständig das Gefühl, beobachtet und überwacht zu sein. Am darauf folgenden Samstag fragte ihn seine Mutter sogar, ob sie mit ihm gemeinsam joggen könne, da sie sich vorgenommen habe, etwas für ihre Figur zu tun. Und das hatte sie noch nie getan und außerdem auch wirklich nicht nötig...

Um aber keinen Verdacht zu wecken, lief er mit ihr eine Runde und sorgte durch entsprechendes Tempo und ein paar 'herausfordernde' Kommentare dafür, dass sie völlig ausgepowert keine Motivation mehr hatte, noch eine weitere Runde mit ihm zu laufen.

Adrian hatte schon lange geplant, wohin er gehen würde, um völlig ungestört zu sein - natürlich würde er wieder auf seine Lichtung gehen. Auf dem Weg dorthin vergewisserte er sich immer wieder, dass niemand ihm folgte und lief deshalb nicht den direkten Weg, sondern wählte mehrere kleine Umwege. Auf der Lichtung angekommen, legte er das Amulett und den Lederbeutel mit Magium vor sich in das weiche Moos. Der Himmel war inzwischen mit düsteren Wolken verhangen, aber wenigstens regnete es nicht, zumindest noch nicht. Dadurch war der Wald aber noch finsterer als sonst und die Lichtung wirkte beinahe wie ein düsteres Verlies.

Aber dafür hatte Adrian jetzt kein Auge. Er war völlig konzentriert auf das goldene Amulett und versuchte, sich ganz genau an die Passage in dem Brief seines verstorbenen Großvaters zu erinnern:

'... mein Freund Magnus wird sich mit Dir in Verbindung setzen, sobald Du dafür bereit bist. Du kannst ihn rufen, indem Du das Amulett mit beiden Händen umfasst und klar und deutlich den Namen MAGNUS sagst...'

Adrian stellte sich in der Mitte der Lichtung und hielt mit beiden Händen das Amulett fest umschlossen. Nachdem er noch einmal tief durchgeatmet hatte, sprach er leise,

"Magnus."

Nichts passierte. Adrian war sich nicht sicher, was er eigentlich erwartet hatte. Doch trotzdem erwartete er irgendetwas. Und dann spürte er, wie sich das Metall in seinen Händen plötzlich erwärmte und blau-weiße Lichtstrahlen leuchteten zwischen seinen Fingern hindurch. Als er seine Hände öffnete, löste sich das Licht vom Amulett und schwebte als kleine, glitzernde und leuchtende Lichtkugel für einige Momente über seinem Kopf bevor es sich langsam nach oben bewegte, bis es die Wipfel der Bäume erreichte. Dort verharrte es wieder für einen Moment und bewegte sich dann, immer schneller werdend, in Richtung Westen. Nach kurzer Zeit war es aus dem Blickfeld von Adrian verschwunden.

Eigentlich hatte er erwartet, dass so etwas wie eine Antwort kommen oder dass sogar dieser Magnus auftauchen würde, aber nichts dergleichen geschah. Aber vielleicht musste er auch nur etwas Geduld haben. Nachdem er eine weitere halbe Stunde gewartet hatte und absolut gar nichts passiert war, entschloss sich Adrian enttäuscht, nach Hause zu gehen und es an einem anderen Tag noch einmal zu versuchen.

Doch gerade in dem Moment, als er sich seinen Weg durch das Dickicht zurück zum Weg bahnen wollte, bemerkte er, wie hinter ihm die Lichtkugel wieder erschien. Aus seinem Augenwinkel sah er, wie sie sich dann vergrößerte und zu einer Art leuchtendem Torbogen wurde. So schnell er konnte, drehte Adrian sich wieder herum und lief zurück auf die Lichtung. Nur wenige Augenblicke später trat ein alter Mann aus dem Torbogen, kurz darauf gefolgt von einem Mädchen, das ungefähr so alt sein musste wie Adrian.

Der Mann trug einen langen, fast weißen Mantel aus einem sonderbar glänzenden Stoff, darunter ein Hemd und eine Hose aus dem gleichen Material. Doch die Farbe ließ sich eigentlich gar nicht wirklich beschreiben, denn es schien so, dass das Material immerzu in einer Farbe passend zur Umgebung schimmerte. Die langen, fast weißen Haare, die einen leichten bläulichen Glanz hatten und natürlich der lange Bart, verstärkten noch die sonderbare Erscheinung. Am sonderbarsten aber waren seine intensiv hellbraunen Augen. Es fühlte sich so an, als ob er mit seinem Blick alles durchdringen konnte. Das Alter des Mannes ließ sich nur schwer schätzen. Sein gutmütiges Gesicht strahlte fast etwas Jugendliches aus, während die weißen Haare und der Bart aber auf ein deutlich höheres Alter hindeuteten. Das Mädchen war ähnlich gekleidet wie er. An ihren Augen konnte man sofort erkennen, dass sie mit dem Mann verwandt sein musste. Ihre gewellten, braunen Haare, die im Gegenlicht golden glänzten, reichten ihr bis weit über die Schultern.

Adrian lief ein heiß-kalter Schauer über den Rücken, als die Zwei auf ihn zukamen. Eigenartigerweise kamen sie ihm aber ganz vertraut vor, ganz so, als ob er sie schon lange kennen würde, obwohl er sie noch nie zuvor gesehen hatte.

"Ich bin Magnus, Magnus Jonson, und das ist meine Enkelin Camille. Und du - du musst Adrian sein.", sagte der Mann, während er seine beiden Arme ausstreckte und mit einem breiten Lächeln auf dem Gesicht auf Adrian zuschritt und dessen Hand mit beiden Händen umfasste und kräftig schüttelte.

"Ich habe lange darauf gewartet, dich endlich kennenlernen zu können. Dein Großvater, den du wahrscheinlich kaum kennen wirst, hat immer viel über eure Familie gesprochen und ich bedauere es aus tiefstem Herzen, dass du ihn nicht mehr persönlich kennenlernen kannst. Er war ein so besonderer Mann."

Obwohl Adrian eigentlich eine endlos lange Liste von Fragen hatte, wusste er jetzt trotzdem nicht, was er sagen sollte. Wahrscheinlich war sein Kopf inzwischen tiefrot angelaufen, zumindest fühlte er sich so an. Zum Glück unterbrach Magnus schon bald das Schweigen.

"Ich kann mir denken, dass du bestimmt eine Menge Fragen hast. Doch wir sollten nichts überstürzen. Aber ich verspreche Dir, dass ich versuchen werde, Dir alles nach und nach zu erklären. In Ordnung?"

Adrian nickte und war ganz froh, dass er nicht selbst gleich die Initiative ergreifen musste.

"Wie du schon weißt, bin ich ein guter Freund deines Großvaters gewesen. Seit ich zurückdenken kann - und das ist sehr lange ...", dabei zwinkerte er seiner Enkelin mit einem weisen Lächeln zu, "... haben wir zusammengearbeitet. Dein Großvater besaß einige ganz außergewöhnliche Fähigkeiten, er beherrschte die Kunst der Magie. Oder anders ausgedrückt, er war ein großer Magier oder Zauberer."

Irgendwie kam es ja doch nicht so überraschend, aber bei dem Wort 'Zauberer' schreckte Adrian unwillkürlich zusammen.

"Sind sie auch ein ... ein Zauberer?", platzte es aus ihm heraus.

Magnus schaute ihm tief in die Augen und sagte, "Ja, das bin ich." Und mit einem leichten Lächeln fügte er noch hinzu, "Und ich denke, nicht mal der Schlechteste."

Adrian blickte erst zu Magnus, dann zu Camille. Nur für einen winzigen Moment trafen sich ihre Blicke, aber das reichte ihm aus, dass er wusste, dass die Beiden sich keinen Scherz mit ihm machten, sondern es wirklich ehrlich meinten. Trotzdem musste er sich erst an diesen Gedanken gewöhnen, dass sein Großvater ein Zauberer sein sollte und vor Allem, dass er jetzt ebenfalls einem Solchen gegenüber stand. Und was war mit dem Mädchen?

''Bist du dann auch eine ... Zauberin?", fasste er sich ein Herz und sprach Camille an. Ihr an sich recht blasses Gesicht verfärbte sich leicht rötlich und sie schaute verlegen zu ihrem Großvater.

''Sagen wir es so: Cami ist auf dem Weg dahin.", antwortete Magnus an ihrer Stelle und erklärte, "Du solltest wissen, dass niemand einfach so als Zauberer geboren wird. Etwas Talent gehört natürlich dazu, aber die Kunst, die Magie zu beherrschen, erfordert viel, viel Training ... und Jemanden, der sein Wissen weitergibt. Cami ist nicht nur meine Enkelin, sie ist auch meine Schülerin. Und eine sehr Begabte dazu!"

Camilles Gesicht wurde nun noch etwas röter, als es ohnehin schon war. Nur ganz kurz schaute sie in Adrians Richtung und ihm kam es so vor, dass der Hauch eines Lächelns in ihren Augen leuchtete.

''Gibt es noch mehr, äh ..."

"Zauberer?", vervollständigte Magnus Adrians angefangen Satz und antwortete gleich, "Ja, es gibt Einige. Die Meisten von ihnen sind auf dem ersten Blick ganz normale Leute, eben Menschen mit besonderen, übernatürlichen Fähigkeiten und einige, welche die Kunst der Magie ganz außergewöhnlich beherrschen, haben sich im Orden von Arlon vereinigt. Aber es gibt auch Zauberer, die sich der dunklen Magie zugewendet haben und danach streben, Macht und persönlichen Vorteil zu erlangen. Und zu guter Letzt gibt es noch einige, die könnten die Zauberei beherrschen, wissen aber nichts oder fast nichts von ihren Möglichkeiten..."

Dabei schaute er Adrian wieder mit seinem durchdringenden Blick an, dem es eiskalt den Rücken herunterlief. Und irgendwie dämmerte es in ihm.

"So ... wie ... ich?"

"Ja, so wie du!", antwortete Magnus und setzte ohne zu unterbrechen fort, ''Der Orden von Arlon ist so etwas wie das Parlament aller Zauberer. Große Magier aus aller Welt sind dort vereint, um gemeinsam für Recht und Ordnung zu sorgen. Und dein Großvater war einer der sieben Magister von Arlon."

"Magister? Und was hat er als so ein Magister gemacht?", fragte Adrian, den schon längst die Neugierde gepackt hatte. Er erinnerte sich natürlich an den Brief seines Großvaters, worin dieser etwas von einer geheimen und wichtigen Aufgabe erzählt hatte.

"Ich bitte dich, noch etwas Geduld zu haben! Das erfährst du zu gegebener Zeit! Zuvor musst du noch etwas anderes wissen. Es gibt eine geheime Verbindung mit dem Namen G'Marbor, das bedeutet soviel wie Bund der Finsternis, welcher viele Anhänger der dunklen Seite der Magie angehören. Über viele Jahrzehnte hatte der Orden von Arlon die Oberhand und es schien fast so, als ob diese böse Vereinigung endlich ausgelöscht war, nachdem sie in den vergangenen Jahrhunderten so viel Unheil angerichtet hatte. Vor einigen Jahren haben sich aber mehrere bedeutende Mitglieder des Ordens abgespalten und der dunklen Seite zugewandt. Seitdem passieren wieder finstere Dinge und alle Anzeichen deuten darauf hin, dass die Anhänger von G'Marbor wieder an Macht und Einfluss gewinnen."

"Tut denn niemand etwas dagegen?", schoss es aus Adrian heraus.

"Die Mehrheit des Ordens ist der Meinung, den Kopf einzuziehen und wegzuschauen wäre im Moment das Beste. Aber für den Erfolg des Bösen reicht es oft schon aus, wenn die Guten nichts tun!"

Magnus klang bei diesen letzten Worten enttäuscht und fast etwas niedergeschlagen. Nach einer kurzen Pause des nachdenklichen Schweigens, die Adrian fast wie eine Ewigkeit vorkam, setzte er aber fort, "Seit die Magister nicht mehr über das Siegel von Arlon wachen, herrscht allerorten Misstrauen und der Orden droht zu zerfallen. Dann aber werden die Anhänger G'Marbors aus der Dunkelheit hervorkommen und die Macht ergreifen."

"Und was passiert dann?"

"Finstere Zeiten mit Angst und Elend werden dann für diejenigen anbrechen, die sich nicht der dunklen Seite anschließen möchten. Ganz zu schweigen natürlich, was diejenigen erwartet, die ahnungslos in der normalen Welt leben. Aber ...", Magnus atmete mehrmals tief durch, "... aber noch ist es nicht so weit, noch besteht Hoffnung!"

Adrian spürte, wie sich wieder einmal seine Kehle etwas zuschnürte, als ob sich eine unsichtbare Schlinge um seinen Hals gelegt hatte. Und obwohl er etwas sagen wollte, brachte er keinen Ton hervor.

"Dein Großvater", sprach Magnus weiter, "wollte das Siegel wieder in die Hände des Ordens zurückbringen. Niemand weiß, was wirklich passiert ist, aber ... er ... ist ... gescheitert ..."

Die letzten Worte hauchte er nur noch. Seine sonst so klaren Augen glänzten wässrig im Gegenlicht.

"Und wer hat das Siegel jetzt? Etwa diese Verschwörer?"

"Nein, wir gehen davon aus, dass die es nicht haben, zumindest noch nicht. Aber sie werden ganz sicher versuchen, es zu erlangen, um ihre Macht zu festigen!"

Adrians Gedanken begannen wieder, wie wild in seinem Kopf herumzuwirbeln. Statt Antworten auf den Berg an Fragen zu finden, wurden neue Fragen aufgetürmt.

"Adrian ... Adrian ... ADRIAN"

Erst beim dritten Mal schreckte er aus seinen Gedanken auf. Über der Lichtung zogen sich dunkle Wolken zusammen. Camille, die die ganze Zeit schweigend im Hintergrund gestanden hatte, hielt ihre rechte Hand in der Innentasche ihrer Jacke, bereit, irgendetwas herauszuziehen. Ihre Augen waren direkt auf das Zentrum der Wolken über ihnen gerichtet. Ihre Gesichtszüge waren aufs Äußerste angespannt. Auch Magnus schaute kurz besorgt in Richtung der Wolken, blickte dann Adrian an und rief, "Adrian, hör mir bitte gut zu, uns bleibt nur noch wenig Zeit, bis wir möglicherweise entdeckt werden. Es gibt noch Vieles, was ich dir zu erklären hätte, aber wir müssen verschwinden, bevor SIE hier auftauchen! Auch wenn du noch so viele offene Fragen hast und fast gar nichts von mir weißt, muss ich dich doch bitten, mir zu vertrauen und alles zu tun, was ich dir sage! Du musst jetzt erst einmal mit uns kommen! Wenn wir in Sicherheit sind, werde ich dir alles erklären! Es ist ganz offensichtlich der dunklen Seite nicht verborgen geblieben, dass du das Amulett deines Großvaters genutzt hast, um mich zu rufen. Ich hätte nicht gedacht, dass die es so schnell schaffen würden, uns zu finden."

Dabei schaute ihn Magnus mit seinen durchdringenden Augen fest an. Das Lächeln war einem ernsten Blick gewichen. Adrian spürte ein gewisses Unbehagen in sich aufsteigen.

"Kann ich nicht einfach nach Hause gehen?", presste er durch seine geschlossenen Zähne.

"Das ist zu gefährlich, da SIE dich dort finden werden!"

Adrian wollte gerade noch etwas erwidern als ein greller Blitz durch die Wolken zuckte. Und dann ging alles ganz schnell, so dass er kaum mitbekam, was wirklich geschah. Cami zog einen kurzen Stab aus der Innentasche ihrer Jacke. Auch Magnus hielt plötzlich so einen Stab in seiner rechten Hand und richtete ihn mit einer kurzen Bewegung in Richtung der dunklen Wolke und ein leuchtender Schirm spannte sich über die Drei. Im nächsten Augenblick schossen auch schon mehrere Lichtblitze aus der Wolke auf sie herab, prallten aber an dem Schirm ab, der wie ein Schutzschild wirkte. Der darauf folgende Donner war so heftig, dass Adrian fast zu Boden stürzte.

Die Wolke, die inzwischen ruß-schwarz geworden war, begann, sich in kleine Wölkchen zu zerteilen, die mit einer unglaublichen Geschwindigkeit zu ihnen herabfuhren und sich rund um den leuchtenden Schirm positionierten. Mit furchtbarem Getöse schossen nun aus diesen Wolken weitere Blitze auf den Schild. Magnus hielt seinen Stab jetzt mit beiden Händen fest umklammert und Adrian konnte die Anstrengung förmlich mitfühlen, als er in sein verzerrtes Gesicht sah.

"CAMIEHHH ... ÖFFNE DAS PORTAL ... JEEEETZT!", schrie Magnus mit letzter Kraft.

Adrian konnte nicht verstehen, was sie sagte, aber kurz darauf begann die Spitze ihres Stabes zu leuchten und eine kleine, glitzernde Lichtkugel, wie er sie schon kannte, löste sich von der Spitze des Stabes und formte sich ein paar Schritte weiter zu einem leuchtenden Torbogen.

"GEHT DURCH ... IHR BEIDE ... SOFOOORT!", ächzte Magnus unter der Last des Schildes und des fortdauernden Angriffs.

Als sie noch einen Moment zögerten, fügte Magnus noch hinzu, "Ich komme direkt nach! Cami, kümmere du dich um Adrian! ... Jetzt LOOOOS!"

Adrian stand immer noch wie versteinert da, als das Mädchen ihn am Arm packte und zu dem wenige Schritte entfernten Portal zog. Er folgte ihr, ohne Widerstand zu leisten. Sie hielt seinen Arm auch noch fest, als sie in das Lichttor eintrat und ihn förmlich hinter sich herzog. Kurz bevor er in das Licht eintauchte, sah er noch, wie aus den schwarzen Wolken, die sich nun überall rund um den Schutzschirm befanden, Personen in langen, dunkelroten Umhängen und mit Kapuzen auf dem Kopf, die deren Gesichter völlig versteckten, heraustraten.

Doch dann tauchte er auch schon in das Licht ein. Außer einem leichten Knistern und Zischen war überhaupt nichts zu hören. Um ihn herum zuckten weiße und blaue Blitze und es kam ihm so vor, als würde er durch einen langen, endlosen, leuchtenden Schlauch gezogen. Dabei spürte er aber noch immer, dass Camilles Hand seinen Arm festhielt und war auch ganz froh darüber, dass sie ihn nicht losließ. Der Lichtschlauch verengte sich immer weiter und Adrian hatte das Gefühl, als würde er aus seinem Körper herausgepresst werden. Jeden Moment wartete er darauf, zerdrückt zu werden.

Von einem Augenblick auf den anderen verschwanden die Blitze und Adrian merkte, wie er das Gleichgewicht verlor. Aber er landete nicht auf dem harten Boden. Als er seine Augen öffnete, sah er direkt vor sich das noch immer offene Lichttor und unter ihm lag ... Camille.

"Würdest du, BITTE, von mir runtergehen?", fuhr sie ihn spitz an.

"Natürlich ... ähh ... En ... Entschuldigung!", stammelte er verlegen und mit rotem Kopf.

"Wo bleibt nur Großvater?", flüsterte Camille mehr zu sich selbst als zu Adrian und schaute wie gebannt auf das leuchtende Tor, das noch immer vor ihnen zu sehen war. Die Sekunden fühlten sich wie Stunden an, während sie wie gebannt warteten. Aber es geschah nichts. War Magnus etwas passiert? War er vielleicht verletzt und brauchte Hilfe?

"Können wir nicht zurückgehen um zu schauen, wo er bleibt?"

Das Mädchen blickte ihn an, als ob er irgendeinen groben Blödsinn gesagt hatte und antwortete mit gerunzelter Stirn und in einer Tonlage, als ob sie ein kleines Kind ausschimpfen würde, "Natürlich nicht! Ein Lichtportal funktioniert immer nur in eine Richtung! Und außerdem hat Großvater gesagt, dass wir durchgehen und warten sollen. Er wird ganz sicher jeden Augenblick kommen!"

Adrian blickte sie von der Seite an und fragte ganz vorsichtig, "Du vertraust ihm, stimmts?"

"Er ist mein Lehrer! Und er ist mein Großvater!"

Sie schien über diese Frage entrüstet und beinahe etwas beleidigt zu sein und würdigte Adrian von da an keines weiteren Blickes mehr. Und auch er traute sich nicht, noch etwas zu sagen, um nicht noch in ein weiteres Fettnäpfchen zu treten. Für eine weitere gefühlte Ewigkeit standen sie beide schweigend da und starrten auf das Lichttor. Plötzlich schoss ein Blitz aus dem Torbogen, ging so dicht an Adrians Kopf vorbei, dass er ihn beinahe fühlen konnte, und schlug mit lautem Krach in den Baum direkt hinter ihnen ein. Die Wucht des Donners warf beide wieder zu Boden. Einen Augenblick später kam Magnus durch das Tor gesprungen und rollte trotz seines Alters elegant auf dem Boden ab, während er mit seinem Stab in Richtung des noch immer offenen Tores zeigte und ebenfalls einen Lichtblitz abschoss.

Das Lichttor schloss sich mit einem leisen "Blob" genau in dem Moment, als es von dem Blitz getroffen wurde. Für einige Zeit sagte niemand ein Wort. Dann sprang Camille auf, rannte zu ihrem Großvater und fiel ihm in die Arme. Magnus lächelte wieder, obwohl sein Gesicht noch immer etwas von der Anstrengung gezeichnet war.

"Das hast du ausgezeichnet gemacht, Cami!", flüsterte er ihr zu, während sie nun auch über das ganze Gesicht strahlend lachte. Erst als ihr Blick wieder auf Adrian fiel, wich das Lachen sofort einem kühlen Blick.

Erst jetzt kam Adrian dazu, sich umzuschauen. Hier war er noch nie gewesen. Sie standen auf einer großen, grünen Wiese. Darauf standen in weitem Abstand einige sehr große, alte Eichen und Buchen. Von dem Baum direkt hinter ihnen war ein dicker Ast durch den Blitz abgerissen worden und lag, noch immer rauchend, auf dem Boden. Einige hundert Meter entfernt stand eine kleine Blockhütte. Rund um dieses malerische, einsame Tal erhoben sich hohe, mit Schnee bedeckte Berge. Ein größerer Weg oder eine Straße schienen nicht hierher zu führen.

Nicht weit entfernt von der Hütte plätscherte ein kleines Bächlein vor sich hin. Außer dem Plätschern waren nur das vereinzelte Zwitschern von Vögeln und das Zirpen der Grashüpfer zu hören. Der Himmel über ihnen war strahlend blau und die Sonne brannte auf ihren Köpfen. Adrian realisierte nur langsam, was alles passiert war und wo er sich befand.

"Adrian, komm mit ..."

"NEIN!! Ich will jetzt endlich wissen, was hier läuft! JETZT! HIER! Und SOFORT!", fiel er Magnus fast schreiend ins Wort und war selbst erschrocken darüber.

"Gut, du hast ja recht!", antwortete Magnus ganz ruhig. Mit einer leichten Bewegung seines geheimnisvollen Stabes fuhr er durch die Luft und am Fuße des Baumes hinter ihnen erschienen zwei Stühle aus dem Nichts.

"Lass uns in den Schatten gehen! Ich werde versuchen, dir alles zu erklären!", und an das Mädchen gewandt setzte er fort, "Cami, würdest du uns bitte etwas zu Essen und zu Trinken bringen? Ich bin wie ausgebrannt!"

"Aber ..."

"Bitte! Cami."

Nachdem das Mädchen etwas widerwillig in Richtung der Hütte weggegangen war, ließ sich Magnus auf einen der Stühle fallen und bot Adrian den Anderen an. Er musterte ihn noch einmal von Kopf bis Fuß mit seinem durchdringenden Blick und begann dann zu erzählen.

"Wie ich dir schon sagte, war dein Großvater ein großer Zauberer, Magister und einer der Wächter des Siegels von Arlon. Vor vielen Jahren schon ging es aber verloren. Seitdem ranken sich viele Mythen rund um das Siegel. Das Siegel von Arlon eröffnet seinem rechtmäßigen Besitzer ungeahnte Fähigkeiten und Macht. In der Hand des Richtigen wird es eine Quelle des Glückes, Friedens und des Wohlergehens für die Menschheit sein. In der Hand des Falschen wird es Elend, Leid und Tod bringen. Seit Jahrhunderten wachten die sieben Magister von Arlon darüber, damit es NICHT in die falschen Hände fällt. Doch vor sechzehn Jahren ist es doch gestohlen worden. Niemand weiß, wer es war. Seit das Siegel aber gestohlen wurde, sind die Magister auf der Suche danach. Bisher hatten sie keinen Erfolg. Hermer Pallmer, dein Großvater, war ganz dicht dran, das Siegel zu finden und wieder zurück in die Obhut der Magister zu bringen. Die Anhänger G'Marbors und allen voran die Schwarze Hexe, Cleora Mordana, und ihre Tochter Isebelle sind ebenfalls auf der Suche nach dem Siegel. Zu unser aller Glück sind auch sie bisher nicht erfolgreich gewesen. Aber sie waren deinem Großvater auf den Fersen."

Magnus unterbrach erst einmal seinen Monolog und schaute prüfend zu Adrian. Da dieser aber nichts sagte, sprach er weiter.

"Nun musst du noch etwas über die Magister Arlons wissen. Seit Jahrhunderten ist es so, dass jeder Magister seinen Nachfolger auswählt, ausbildet und ihn dann den anderen Magistern vorstellt. Und erst, wenn er die Prüfungen der Magister bestehen kann, wird er vom Orden als ein solcher eingesetzt. Nachdem dein Großvater seinen Schüler ausgewählt hatte - und das war nicht dein Vater - war Georg unsagbar wütend und beleidigt. Er brach jeden Kontakt mit deinem Großvater ab und wollte seitdem mit niemand aus der Welt der Zauberer mehr etwas zu tun haben."

"Mein Vater ist auch ein Zauberer?"

"Nein, nicht wirklich! Er hatte nicht die Begabung dafür und wurde auch nicht in der Kunst der Magie ausgebildet. Aber er weiß viel darüber!"

Adrians Mund stand offen vor Erstaunen. Und langsam fügte sich alles zu einem Bild zusammen. Und eine gewisse Vorahnung durchschoss seine Gedanken...

"Und wer ist dann der Schüler von Großvater?"

"Das ist nicht ganz so einfach. Sein ursprünglicher Schüler, ein sehr begabter junger Mann, hat sich der dunklen Seite der Magie zugewandt. Der Schmerz und die Enttäuschung darüber hatten deinen Großvater sehr mitgenommen. Lange Zeit wollte er sich keinen neuen Schüler wählen. Aber er war sich seiner Verantwortung bewusst. Vor wenigen Monaten hat er dann seine neue Wahl getroffen ... Und du kannst dir vielleicht schon denken, wen er ausgewählt hat!"

"Mich???", flüsterte Adrian unsicher.

"Ja, er hat DICH als seinen Nachfolger erwählt!"

Der Gedanke, dass er ein Zauberer werden und in die Fußstapfen seines Großvaters eintreten sollte, war für Adrian ein echter Hammer und überstieg alles, was er sich so in den letzten Wochen ausgemalt hatte. Auf der anderen Seite war das alles natürlich wahnsinnig aufregend. Adrian war so tief in Gedanken versunken, dass er gar nicht bemerkt hatte, dass Camille wieder zurückgekommen war und ein großes Tablett mit Getränken und einem Korb mit Gebäck gebracht hatte, das vor ihnen in der Luft schwebte.

"Greif zu!", sagte Magnus, der sich bereits eines der Gläser genommen hatte und in der anderen Hand schon ein Donat-ähnliches Gebäckstück hielt.

"Was ist, wenn ich gar nicht will? Wenn ich einfach so weiterleben möchte wie bisher?"

"Niemand wird gezwungen, in den Orden von Arlon einzutreten oder gar ein Magister zu werden, was außergewöhnlich großen Mut erfordert, oft schwierig und anstrengend und möglicherweise auch gefährlich ist! Unser oberster Grundsatz ist die Freiheit und dazu gehört auch, dass Jeder selbst entscheiden kann, was er tun möchte und was nicht.", antwortete Magnus ganz ruhig.

"Beim nächsten Rat der Magister muss der Nachfolger deines Großvaters ausgewählt werden. Wenn kein passender Kandidat zur Verfügung steht oder dieser nicht bereit oder ungeeignet ist, wird die Große Versammlung des Ordens von Arlon, wo sich Vertreter aller Nationen treffen, auf die Suche gehen, bis eine Geeignete oder ein Geeigneter gefunden ist, die oder der in der Lage ist, sich den vier magischen Prüfungen zu unterziehen."

"Aber wie sollte ICH denn bereit dafür sein?", erwiderte Adrian und fügte ganz kleinlaut hinzu, "Ich weiß doch nicht das Geringste über Magie und so ... und zaubern ... zaubern kann ich erst recht nicht..."

"Es kommt nicht darauf an, was du jetzt und heute weißt und kannst. Entscheidend ist, was du bereit bist zu WERDEN und was du dann dafür TUST!"

Seit Adrian vor einigen Wochen diesen geheimnisvollen Brief erhalten hatte, stand für ihn seine Entscheidung fest: er würde alles daransetzen, den letzten Willen seines Großvaters zu erfüllen! Also antwortete er, ohne lange nachzudenken, "Ich bin bereit, mein Bestes zu geben! Aber wie soll ich das ohne einen Lehrer schaffen?"

Magnus schaute erst Adrian an, dann schaute er Camille lange in die Augen. Schließlich sagte er, "Du kannst bei uns bleiben und ich kann Dir, mit Hilfe von Cami, alles beibringen, was du brauchst. Einverstanden?"

"Einverstanden!", antwortete Adrian und ergriff strahlend die Hand, die er ihm entgegen streckte.

"Und wann geht es los?"

"Eins nach dem anderen!", sagte Magnus lachend. "Cami wird dir erst einmal unser Haus und unseren Garten zeigen und ich kümmere mich darum, dass sich deine Eltern keine Sorgen machen. Und morgen starten wir mit deinem Training!"

Mit einer kurzen Bewegung seines Stabes öffnete er wieder ein Lichttor und ging hindurch, ohne das Adrian noch etwas erwidern konnte. Nachdem sich das Tor wieder geschlossen hatte, standen sich die zwei Jugendlichen für einen Moment schweigend gegenüber und jeder schaute in eine andere Richtung bis das Mädchen endlich, ohne ihn anzuschauen, sagte, "Komm mit!"

Ohne auf eine Antwort zu warten, drehte sie sich um und lief in Richtung der kleinen Hütte los. Und Adrian folgte ihr gehorsam. Inzwischen war die Sonne schon fast hinter den Bergen verschwunden und tauchte die Landschaft in ein goldenes Licht. Die Wiese, die riesigen Bäume, das Bächlein und zwischendrin die kleine, rustikale Hütte wirkten einfach märchenhaft, fast etwas unreal. Als sie dem Haus näherkamen, durchquerten sie einen kleinen Garten, der von einer hüfthohen Hecke umgeben war. Die Beete waren in quadratische Flächen aufgeteilt. Auf jedem dieser Quadrate stand eine andere Pflanze.

Im vorderen Bereich des Gartens wuchsen allerlei Kräuter und kleine Pflanzen. Die meisten von ihnen hatte Adrian noch nie in seinem Leben gesehen. Da gab es Pflanzen mit kleinen, fast kugelförmigen Blättern, an denen sehr lange, dünne, weiße Haare wuchsen, deren Spitzen im Licht der untergehenden Sonne wie Millionen winziger Diamanten funkelten. Andere hatten breite, leuchtend violette Blätter, in die glasklare Kügelchen eingeschlossen waren, andere sahen wie bizarr geformte Korallen aus, die in allen Farben des Regenbogens schimmerten. Etwas abseits stand ein Gewächs, das ganz aus Kristall zu sein schien und herrlich glitzerte. Weiter hinten standen Pflanzen, die in allen Farben und Formen blühten und welche, die aussahen wie filigrane Schwämme in den verschiedensten Farben, manche mit ganz großen, manche mit winzig kleinen Poren. Adrian blieb, gefangen von diesem Anblick, stehen und fragte staunend, "Was sind denn das für Pflanzen?"

Die Frage war eigentlich an Camille gerichtet, aber sie war schon weiter gelaufen, ohne auf ihn zu warten.

"Auch gut, ich komme ebenso gut auch ohne dich zurecht!", grummelte Adrian und schaute sich weiter die Kuriositäten des Gartens an.

Inzwischen war er bei Pflanzen angekommen, die ihre Tentakel wie Arme in die Luft streckten und sich sanft hin und her wiegten. Als ein kleiner Vogel zu dicht über ihnen entlang flog, schnellten plötzlich mehrere dieser Fangarme nach oben, legten sich mit atemberaubender Geschwindigkeit um das wehrlose Tier und zogen es in das Dickicht der anderen Tentakel hinab. Einen Moment später wiegten sich die Arme wieder friedlich hin und her, als ob nichts geschehen war.

Adrian stand nun schon mitten im Garten, umringt von allen möglichen exotischen Pflanzen. Je tiefer er in den Garten vordrang, desto größer wurden die Gewächse. Rechts vor ihm stand ein Strauch, der offensichtlich eingegangen war. Nur noch ein paar dürre Stängel ohne Blätter waren übrig. Als Adrian einen Schritt näher herantrat, bemerkte er, wie plötzlich überall kleine Knospen aus dem dürren Holz hervorbrachen. Von Neugierde gepackt, trat er noch etwas näher heran, um das Phänomen besser beobachten zu können. Im nächsten Augenblick sprangen die Knospen auch schon auf und überall wuchs frisches Grün. Innerhalb weniger Sekunden waren die dürren Äste des Strauchs üppig mit Blättern und neuen Zweigen bedeckt.

Nachdem die Blätter zu ihrer Endgröße ausgewachsen waren, bildete sich eine riesige Knospe, die sich ebenfalls nach kürzester Zeit öffnete und eine prachtvolle Blüte, die fast wie das Gesicht eines jungen Mädchens aussah, freigab. Dabei strömte sie einen so lieblichen Duft aus, dass Adrian noch einen Schritt näher treten wollte, um die Blüte mit seiner Hand zu berühren.

"NEIN! NICHT ANFASSEN! KOMM SOFORT EIN PAAR SCHRITTE ZURÜCK!", schrie Camille, die, von ihm unbemerkt, herbeigekommen war. Adrian gehorchte, wenn auch widerwillig. Kaum hatte er sich etwas entfernt, verschwand die Blüte wieder in der Knospe und die frischen Blätter verwelkten vor seinen Augen und fielen ab. Übrig blieben nur die dürren Stängel, die aussahen wie abgestorben.

"Das ist eine Sirenum Necare, eine ganz heimtückische Pflanze. Wenn du ihre Blüte berührst, wird sie dich mit ihrem Gift töten!"

Adrians Knie wurden ganz weich. Schon zum zweiten Mal hatte sie sein Leben gerettet.

"Und wieso treibst du dich eigentlich im Garten der magischen Pflanzen herum? Weißt du nicht, wie gefährlich das sein kann, oder liebst du es etwa, dich der Gefahr auszusetzen?"

'Im Prinzip hat sie ja recht, aber muss sie immer gleich so ausrasten und mich mit Vorwürfen überschütten?', dachte Adrian bei sich, sagte aber besser kein Wort.

Nach diesem kleinen Zwischenfall erreichten sie das kleine Häuschen. Aus der Nähe sah es noch winziger aus. Adrian fragte sich, wie man in so einer kleinen Hütte überhaupt leben kann. Er konnte außer der Eingangstür nur noch 2 kleine Fenster sehen. Aus dem Dach, das ebenfalls nur aus Holz zu sein schien, ragte ein rustikaler und etwas schiefer Schornstein, der aus unbehauenen Steinen gebaut war.

"Und da drin wohnt ihr zu zweit?", fragte er skeptisch und bereute es sofort wieder, als Camis finsterer Blick ihn traf und sie bissig erwiderte, "Ist das nicht gut genug für den Herrn? Für uns reicht es!"

"Ich ... äh ... ich meinte nicht ... äh ... ich meinte es doch nicht so ... Ach vergiss es!"

Langsam nervte es ihn gewaltig, sich ständig vor ihr rechtfertigen zu müssen. Und dabei war sie nicht einmal älter als er und, was noch schlimmer war, sie war ein Mädchen! Die Sonne war bereits hinter den Bergen verschwunden und tauchte die Gegend in ein mystisches Zwielicht. Aus dem Schornstein der Hütte kräuselte sich etwas Rauch und durch die kleinen Fenster schimmerte Licht.

Plötzlich öffnete sich die Tür und eine kleine, alte Frau trat heraus. Sie hatte auch fast weiße Haare und trug ein schlichtes, langes Kleid, das genauso sonderbar schimmerte wie die Kleidung von Magnus und Camille. Um den Hals trug sie eine dünne, goldene Kette, an der ein großer Kristall hing, der ein geheimnisvolles blaues Licht ausstrahlte. Als sie das Mädchen erblickte, begannen ihre Augen freudig zu strahlen und sie lächelte über die ganze Breite ihres Gesichtes. Aber sie sagte kein Wort, sondern machte nur eine Geste, dass sie ins Haus kommen sollte.

Adrian schien sie gar nicht wahrzunehmen. Nur einmal streiften ihn kurz ihre Augen. Und er glaubte, dabei bemerkt zu haben, dass ihr Lächeln sich blitzschnell in einen eisigen Gesichtsausdruck verwandelt hatte. Die alte Frau, die offensichtlich die Großmutter war, ging zurück ins Haus und Cami folgte ihr. Adrian blieb einfach stehen wo er war, unsicher was er nun machen sollte.

"Kommst du mit rein, oder willst du da draußen Wurzeln schlagen?", fragte Camille, die noch einmal ihren Kopf aus der Tür gesteckt hatte.

Also trat er durch die Tür in die Hütte und zog dabei seinen Kopf etwas ein, um sich nicht am Türpfosten zu stoßen. Dabei übersah er allerdings die hohe Türschwelle, so dass er stolpernd der Länge nach in den Eingang stürzte.

Sekunden später fand er sich auf einem weißen Marmorboden liegend in einer von warmem Licht durchfluteten Eingangshalle eines geräumigen Hauses wieder. Er wollte seinen Augen nicht trauen, das konnte unmöglich diese kleine Hütte sein! Er blickte noch einmal zurück durch die noch immer offene Tür und erkannte trotz der nun einbrechenden Dunkelheit gut die Wiese und den merkwürdigen Garten, von wo sie gerade gekommen waren.

Nicht weit von ihm entfernt standen die beiden Frauen und schienen sich köstlich über seine Kunstflugvorstellung zu amüsieren. Camille kicherte leise und die alte Frau zwinkerte dem Mädchen zu, ohne einen Laut von sich zu geben. In dem Moment trat Magnus durch die Tür und trat an Adrian heran, reichte ihm die Hand und half ihm hoch, wobei er einen fragenden Blick in Richtung der Anderen schickte. Camille verstummte sofort und die Großmutter zuckte nur kurz mit den Schultern, sagte aber wieder kein Wort.

"Das war meine Schuld, ich hatte die Schwelle nicht beachtet!", erklärte Adrian dem alten Mann.

Jetzt begann er, sich richtig umzuschauen. Der Eingangsbereich war gut zehn Meter lang und endete an einer großen, gläsernen Flügeltür, durch die man einen weiteren, etwas abgedunkelten Raum erkennen konnte. Die Wände und die Decke des Raumes, in dem sie sich befanden, waren mit einem wunderschön gemusterten hellen Holz verkleidet, auf der linken Seite befanden sich dicht nebeneinander acht relativ schmale Türen, die rechte Wand hatte ein großes Fenster durch das man die schneebedeckten Kuppen der entfernten Berge im letzten Licht des Tages schimmern sah.

Rechts und links neben dem Fenster hingen mehrere Bilder von irgendwelchen Personen. Wahrscheinlich handelte es sich um Verwandte oder Vorfahren der Familie. Es waren aber keine gewöhnlichen Bilder, sondern Adrian hatte das Gefühl, wie durch ein Fenster in einen anderen, meist recht rustikal eingerichteten Raum zu blicken, so räumlich und realistisch sahen die Personen und Gegenstände aus. Woher das Licht kam, das den Raum erfüllte, konnte Adrian nicht erkennen. Es gab weder Lampen, Kerzen oder irgendetwas dergleichen. Vielmehr schien der Raum selbst zu leuchten.

"W...wo sind wir hier? Wieso ist ... Die Hütte war doch ... Hier ist...", Adrian war nicht in der Lage, seine Gedanken richtig zu ordnen, so überwältigt war er von allem, was um ihn herum passierte. Doch es gelang ihm ganz schnell wieder, sich zu kontrollieren und er fragte, "Ist das alles real oder ist das Zauberei?"

"Ganz sicher ist das Magie, oder wie du sagst, Zauberei!", antwortete Magnus, "Aber warum sollte es deshalb nicht real sein? Es gibt Dinge, die du vielleicht mit deinem Verstand nicht begreifen kannst oder die du nicht, oder besser noch nicht verstehst, aber trotzdem sind sie real!"

Nach einer kurzen Pause setzte er dann fort, "Aber für heute genug! Möchtest du noch etwas essen? Du musst doch wirklich hungrig sein, oder?"

Jetzt erst merkte Adrian, dass er in Wirklichkeit einen Bärenhunger hatte, da er, außer zum Frühstück und den Keksen vorhin, noch nicht wirklich etwas gegessen hatte.

"Ja, etwas essen wäre eine ausgesprochen gute Idee!"

"Myritha, bringst du uns bitte noch eine Kleinigkeit? Vielen Dank! Cami, Adrian, kommt ihr schon mal mit?", sagte Magnus während er zu der Flügeltür am Ende des Raumes ging und die Tür öffnete. Die alte Frau nickte kurz schweigend und verschwand in einer der Türen. Camille und Adrian folgten Magnus in den andern Raum. In der Mitte stand ein runder Tisch mit drei Stühlen und mit einer kurzen Bewegung seines Zauberstabes erschien aus dem Nichts ein vierter Stuhl und die anderen Stühle rückten selbständig etwas bei Seite, so dass Platz für den neuen Stuhl wurde und dieser auch an den Tisch rückte.

Eine weitere Bewegung und ein kleiner Wandschrank öffnete sich. Teller, Gläser und Besteck schwebten wie von unsichtbaren Händen getragen zu dem Tisch, auf den sich gerade eine Tischdecke aus weiß glänzendem Stoff gelegt hatte. Über dem Tisch schwebten drei große Kristalle frei in der Luft, die in verschiedenen Farben leuchteten und glitzerten und alles in ein warmes, aufregendes Licht tauchten.

Jetzt kam auch Camis Großmutter herein und stellte ein kleines zugedecktes Tablett auf den vorbereiteten Tisch. Nachdem sich alle gesetzt hatten - Adrian wurde der Platz gegenüber von Camille zugewiesen - entfernte Magnus die Abdeckung und es kamen mehrere kleine Schüsseln mit den verschiedensten Speisen zum Vorschein. Die Schüsseln verteilten sich von allein auf dem Tisch und während Adrian noch immer das Gefühl hatte, dass die alte Frau nach wie vor nicht sehr erfreut über seine Anwesenheit war, lud Magnus freundlich zum Essen ein.

"Nun greift zu! Es ist genug da!", und an den jungen Gast gewandt, fügte er hinzu, "Nimm dir von allem, was du möchtest und soviel du möchtest, lass aber immer einen Rest in der Schüssel!"

Adrian stellte staunend fest, dass sich die kleinen Schüsseln immer wieder von selbst auffüllten, solange man sie nicht gänzlich entleerte. Waren sie einmal ganz leer, so blieben sie es auch. Nachdem sie gegessen hatten, führte Magnus ihn in einen kleinen Raum, in dem sich nur ein Bett, ein Schrank und ein Schreibtisch mit Stuhl befanden.

"Das ist dein Zimmer, fürs erste sollte es reichen! Du kannst es ja dann nach deinen Vorstellungen einrichten!", sagte Magnus, "Hast du noch einen Wunsch?"

"Nein, ich bin OK. ... Äh ... und was war mit meiner Familie?"

"Oh, ich hatte ganz vergessen, es dir zu sagen. Sie haben zugestimmt, dass du eine Weile bei uns bleiben kannst."

Nachdem der alte Mann dann gegangen war und er allein vor seinem Bett stand, fiel ihm ein, dass er ja eigentlich noch so viele Fragen hatte. Doch kaum hatte er sich auf sein Bett gelegt, fiel er sofort in tiefen Schlaf.

 

 

Unter einem Felsvorsprung am Fuße eines kleinen Hügels standen drei Männer und zwei Frauen in der Dunkelheit und unterhielten sich mit gedämpfter Stimme. Nur ab und zu war ein lauter Zwischenruf zu hören. Sie hatten dunkelrote Umhänge mit Kapuzen an, die aber fast alle abgesetzt hatten. Etwas entfernt, auf der Spitze des Hügels, an dessen Fuß die kleine Versammlung stattfand, stand eine finstere, alte Burg mit drei hohen Türmen und einer unüberwindlich erscheinenden Mauer. Aus einigen der vielen Fenster schimmerte Licht. Die Gruppe hatte sich so verborgen, dass es unmöglich war, ihren Standpunkt von der Burg aus einzusehen.

"Und du denkst wirklich, dass der Junge das Amulett hat?"

"Wie hätte er sonst den Alten rufen können."

"Außerdem haben wir doch das leere Paket gefunden! Ich denke, Pallmer hat ihm was geschickt, bevor es ihn erwischt hatte."

"Und ich hatte gehofft, auch wenigstens etwas Magium zu finden, der Alte hatte doch jede Menge davon..."

Die Anderen pflichteten dem bei, verstummten aber ganz schnell wieder. Eine der Frauen sagte mit einer fürchterlich krächzenden Stimme, "Cleora wird jemanden hart bestrafen, weil es uns nicht gelungen ist, die Habseligkeiten vom alten Pallmer zu bekommen."

Ein Raunen ging die Runde, dann war erst einmal wieder völlige Ruhe.

"Es gibt keinen Beweis, dass die Dinge auch dort waren. Lasst uns den leeren Karton vernichten und einfach sagen, dass die Information falsch war und wir niemanden angetroffen und nichts gefunden haben. Dann kann wenigstens uns nichts passieren!"

Alle im Kreis nickten. Der Größte von ihnen, der offensichtlich ihr Anführer war, trat einen Schritt zur Seite. Es war ein Mann mit schwarzen Haaren, dichten Augenbrauen und einem finsteren Blick. Das Mondlicht fiel auf eine Seite seines Gesichts, das durch eine tiefe Narbe gezeichnet war. In seiner rechten Hand hielt er eine Art Wanderstock. An Stelle des Griffes hatte der Stock einen großen, dunkelroten Edelstein, der wie ein Blutstropfen aussah und in einem Geflecht aus mehreren dünnen Stäben eines fast schwarzen, leicht bläulich leuchtenden Metalls eingefasst war.

Die Reste des Päckchens lagen vor ihm auf dem Erdboden. Nun richtete er das Ende seines Stockes darauf und ein kräftiger violetter Lichtblitz ging von dem Stein aus und traf die leere Schachtel. Mit einer hellen, blauen Flamme verbrannte alles und hinterließ keinerlei Spuren. Nachdem er das erledigt hatte, setzten alle wieder ihre Kapuzen auf und der Mann stieß mit seinem magischen Stock auf den Erdboden. Sofort stieg eine schwarze Wolke auf, die schnell alle umhüllte. Einen Augenblick später waren die Personen verschwunden und die Wolke löste sich wieder auf.

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