Kapitel 1

Fantasy-Saga für Kinder, Jugendliche und Erwachsene

Kapitel 1

Kapitel 1: Das Siegel

Es dauerte einige Stunden, bis Adrian für sich selbst realisierte, was passiert war. Mehrere Monate hatte er alles daran gesetzt, vier schwierige Aufgaben zu lösen, um die Bedingungen zu erfüllen, die ihn qualifizieren würden, als Junior-Magister des Ordens von Arlon in die Fußstapfen seines Großvaters zu treten. Als dann aber drei andere ausgewählt wurden, brach für ihn beinahe eine kleine Welt in sich zusammen, auch wenn er sich äußerlich nichts anmerken ließ.

Seine Gefühle fuhren erst recht Karussell, als er fast im gleichen Atemzug aber erfuhr, dass er dazu bestimmt sei, der Hüter des Siegels von Arlon, dem mächtigsten magischen Artefakt überhaupt, zu werden. Als dieser würde es in seiner Verantwortung liegen, das Siegel zurückzugewinnen, welches Cleora Mordana, auch bekannt als die Schwarze Hexe und Anführerin des verschwörerischen Geheimbundes G'Marbor, gestohlen hatte.

Nicht den Bruchteil einer Sekunde zögerte Adrian, die Aufgabe zu übernehmen, denn er hatte sich bereits entschieden, alles zu tun, um die Arbeit seines Großvaters weiter und schließlich zum Erfolg zu führen. Auch, wenn er im Moment noch nicht die geringste Ahnung hatte, wie er das schaffen würde, war er zu allem bereit.

Die Kunde, dass Adrian Pallmer Hüter des Siegels geworden war, verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Noch während der Großen Versammlung des Ordens von Arlon bekundeten ihm unzählige Zauberer und Zauberinnen ihre Unterstützung. Und die würde er auch wirklich gut gebrauchen können im Kampf gegen die Schwarze Hexe und ihre Anhänger.

Gleich nach der Zusammenkunft wurde Adrian von Swør Larsen, dem obersten Magister des Ordens, in ein geräumiges Zimmer gebracht. Es musste sich dabei um einen Raum in einem Turm handeln, da er kreisrund war und keinerlei Ecken besaß. Ein Blick aus einem der vielen kleinen Fenster bestätigte diese Vermutung. Von hier aus konnte Adrian wie aus der Vogelperspektive auf die Insel Rocher d'Arlon herunterblicken, auf der sich das geheime Zentrum des Ordens von Arlon befand.

Mehr als die Hälfte der runden Wand war gänzlich mit Büchern und zum Teil auch ganzen Bündeln loser Blätter übersät, die dicht an dicht in einem haushohen Regal standen. Fast jeder noch so kleine Freiraum war ausgefüllt, sodass an manchen Stellen gleich mehrere Stapel übereinanderlagen.

Direkt neben dem Regal befanden sich zwei gläserne Vitrinen, in denen viele ungewöhnliche Geräte einsortiert waren, deren Funktion oder Nutzen Adrian völlig unbekannt war. Darüber hing ein mächtiges Geweih, welches größer war als jedes, was er zuvor schon einmal gesehen hatte.

Den Rest der Wand schmückten große und kleine Bilder und mehrere Landkarten. Auf einigen der Abbildungen erkannte Adrian das Gesicht seines Großvaters wieder, welches ihn freudig anlächelte. Neugierig wanderte er mit seinen Augen von Bild zu Bild. An einer der Fotografien blieb sein Blick jedoch hängen. Darauf zu sehen war sein Großvater, der einen kleinen Jungen im Alter von höchstens zwei oder drei Jahren in seinen Armen hielt. Das Gesicht des Kindes kam Adrian bekannt vor. Sehr bekannt! Es war nämlich sein Eigenes, wie er es aus den Fotoalben seiner Eltern kannte.

»Ja, das bist du«, sagte Magnus Jonson, der gerade zur Tür hereinkam. »Das war das letzte Mal, dass dein Großvater euch zu Hause besuchen konnte. Zum einen verweigerte dein Vater später jeden Kontakt. Andererseits wollte Hermer dich und später auch deine Schwester nicht in Gefahr bringen.«

Adrian konnte seinen Blick nicht von den Bildern lösen. Ohne seinen Lehrer anzuschauen, fragte er: »Was meinst du damit, dass er mich und meine Schwester nicht gefährden wollte?«

»Als das Siegel von Arlon gestohlen wurde, herrschte für eine gewisse Zeit Chaos. Es gab sogar einige Zauberer, die eigentlich dem Orden nahe standen, die deinen Großvater für den Verlust verantwortlich machten und sich gegen ihn wandten. Das war natürlich völliger Unsinn. Unter ihnen waren auch ein paar Fanatiker, die dazu aufriefen, die ganze Familie deines Großvaters für den Verlust zu bestrafen, was natürlich völlig absurd war. Deshalb zog es Hermer vor, deine Familie zu verstecken und sich von euch fernzuhalten, um euren Aufenthaltsort nicht zu verraten, nachdem deine Tante ...«

»Meine Tante?«, fiel ihm Adrian ins Wort und drehte sich ruckartig um, »Ich habe gar keine Tante! Oder etwa doch?«

»Es war damals eine fürchterliche Tragödie«, setzte Magnus fort, »Fünf dieser hirnlosen Fanatiker waren in das Haus deiner Tante eingedrungen und hatten ihre erst zweijährige Tochter als Geisel genommen ...«

»Dann habe ich also auch noch eine Cousine!«, schlussfolgerte Adrian, verstummte aber gleich wieder, da Magnus dazu ansetzte weiterzuerzählen.

»Deine Tante versuchte alles, um ihre Tochter aus deren Händen zu befreien. In einem ungleichen Kampf wurde Corvina dabei allerdings so schwer verletzt, dass sie kurze Zeit später verstarb.«

Magnus flüsterte nur noch. Seine Stimme zitterte ganz leicht.

»Und gab es da nicht vielleicht auch noch einen Onkel?«, fragte Adrian vorsichtig, »Hätte der sie nicht beschützen können? Nein, müssen!?«

Magnus blickte Adrian nur an, antwortete aber nicht. Magister Larsen, der die ganze Zeit schweigend neben ihm gestanden hatte, legte seinen Arm auf die Schulter des alten Zauberers. Dann wandte er sich an Adrian.

»Der Onkel war ...«

Auch der oberste Magister stockte. Einen Moment herrschte Schweigen. Dann setzte er noch einmal an.

»Der Onkel war nicht da. Er hatte sich schon einige Wochen zuvor aus dem Staub gemacht.«

»Und wo ist er jetzt?«, wollte Adrian wissen.

»Das weiß keiner. Er ist nie wieder aufgetaucht«, antwortete wieder Magnus Jonson. Eine einsame Träne rollte ihm dabei über die rechte Wange.

Adrian betrachtete weiter die Bilder. Auf einer der Fotografien erkannte er seinen Großvater und seinen noch recht jungen Vater, der seinen Arm auf die Schulter einer ebenso jungen und hübschen Frau gelegt hatte. Doch das war nicht Adrians Mutter.

»Ist das ...«

»Ja, das ist Corvina. Das Bild muss mindestens zwanzig Jahre alt sein. Das war noch, bevor dein Vater deine Mutter geheiratet hatte.«

Mit großem Interesse näherte sich Adrian dem Bild. Das Gesicht seiner Tante kam ihm ungewöhnlich vertraut und bekannt vor. Aber auch wenn er sich noch so sehr anstrengte, ihm wollte im Moment einfach nicht einfallen, wo er diese Züge schon einmal gesehen hatte.

»Was ist eigentlich mit dem Kind geschehen? Konnte Corvina ... ähh ... ich meine ... meine Tante das Kind retten?«

»Ja, das Mädchen konnte gerettet werden. Corvina hatte ihr Leben riskiert und letztendlich auch geopfert, damit das Kind nicht in die Hände der Fanatiker fallen würde. Diese waren so geschockt von ihrem Mut und ihrer Opferbereitschaft, dass sie sofort Reißaus nahmen. Als dein Großvater und ich kurz darauf eintrafen, kam für Corvina allerdings schon jede Hilfe zu spät. Der Zauberfluch, von dem sie getroffen worden war, hatte bereits ihren ganzen Körper erfasst und konnte nicht mehr rückgängig gemacht werden.«

Magnus sprach nur noch mit gebrochener Stimme. Seine Augen waren voller Tränen, sodass er sie erst einmal mit einem Taschentuch abtupfen musste.

»Und? Wo ist sie jetzt?«

»Sie wohnt bei ihren Großeltern«, antwortete Swør Larsen.

Adrians Augen wurden immer größer. Das, was er gerade glaubte verstanden zu haben, konnte nicht sein. Unmöglich! Völlig unmöglich! Andererseits aber wieso eigentlich nicht?

Der junge Hüter des Siegels blickte wieder seinen ehemaligen Lehrer an. Dieser erwiderte den Blick und nickte.

»Ja, Adrian. Es ist so, wie du vermutest. Camille ist das kleine Mädchen und wir, ich meine, Myritha und ich, sind ihre Großeltern. Sie ist deine Cousine.«

»Aber ... aber ...«, stammelte Adrian, konnte aber für einen Moment keinen klaren Gedanken fassen, »Aber wieso habt ihr das bisher vor mir geheim gehalten? Nicht einmal Camille hat etwas darüber gesagt!«

Adrian erinnerte sich daran, dass er sie einmal darauf angesprochen hatte, sie aber keine Antwort geben mochte. Da er sie nicht drängen wollte und Cami von sich aus das Thema komplett ausblendete, hatten sie später niemals wieder darüber gesprochen.

»Es war ein großer Schock für deinen Großvater gewesen. Aber ich glaube, dein Vater hat am meisten darunter gelitten. Du musst wissen, dass er und Corvina Zwillinge sind. Sie waren sehr eng miteinander verbunden. Trotzdem beherrschte nur sie Magie. Dein Vater war kaum begabt und hatte nicht den Eifer, die Kunst der Zauberei zu erlernen. Und er brachte auch keinerlei Interesse dafür auf.

Als deine Tante gestorben war, wollte er noch nicht einmal mehr mit deinem Großvater sprechen, genauso wenig wie mit allen anderen Zauberern. Für ihn sind scheinbar alle Menschen, die der Magie kundig sind, auf einer Stufe mit denjenigen, die für den Tod von Corvina verantwortlich waren.«

»Das erklärt so Einiges!«, murmelte Adrian vor sich hin, für den plötzlich die Reaktionen seines Vaters nachvollziehbar wurden. Ein bisschen Zorn keimte aber doch in ihm auf, dass seine Eltern ihm niemals etwas darüber erzählt hatten.

»Der Vater von Camille ist somit ...«, bohrte Adrian noch etwas tiefer.

»Ja, er war unser Sohn«, antwortete Magnus Jonson recht trocken.

»War? Heißt das etwa, dass er jetzt tot ist?«

»Ob er lebt oder ob er verstorben ist, das wissen wir nicht«, erwiderte Camis Großvater mit einer Kühle in der Stimme, die Adrian so bei ihm noch nie gehört hatte. »Seit über fünfzehn Jahren hat er es noch nicht einmal für nötig erachtet, sich nach seiner Tochter oder seinen Eltern zu erkundigen. Niemand hat seitdem auch nur ein winzig kleines Lebenszeichen von ihm wahrgenommen. Für uns ist er tot!«

Adrian war für einen Moment sprachlos. Magnus, den er immer als fürsorglich und nachgiebig kennengelernt hatte, schien in dieser Angelegenheit unnachgiebig und hart zu sein. Tiefe Enttäuschung stand ihm ins Gesicht geschrieben. Und da er offensichtlich nicht darüber sprechen wollte, vertiefte der junge Hüter des Siegels das Gespräch auch nicht weiter.

»Kommen wir doch einfach zurück zu diesem Zimmer«, versuchte Swør Larsen das Thema zu wechseln, »Alles, was du hier siehst, gehörte deinem Großvater. Genau genommen war es sein Arbeitszimmer und der Ort, wo er in den letzten Jahren gelebt hatte. Und nun, da du sein Nachfolger und der neue Hüter des Siegels von Arlon bist, gehört es dir.«

»Mir?«, fragte Adrian völlig überwältigt. Er besaß ein schönes Kellerzimmer im Hause seiner Eltern und auch ein kleiner Raum im Haus der Jonsons stand ihm zur Verfügung. Aber so ein riesiges Büro sein eigen zu nennen, mit Bibliothek und noch vielem mehr, fühlte sich für einen Siebzehnjährigen völlig unreal an.

»Ich glaube, du solltest dir alles erst einmal in Ruhe anschauen. Dein Großvater hatte hier gearbeitet und gewohnt. Und du brauchst schließlich auch einen Rückzugsort«, sagte der oberste Magister und schaute Adrian verständnisvoll an, »Wir wissen, dass du noch sehr jung bist und es eine riesige Verantwortung ist, die dir hier auf die Schultern gelegt wird. Vielleicht verlangen wir auch viel zu viel von dir ...«

»Nein!«, widersprach Adrian vehement und ließ den großen Skandinavier gar nicht aussprechen.

»Ich werde die Arbeit von Großvater weiterführen und ich werde es ganz sicher schaffen! Ich hatte nur nicht erwartet, dass ... dass ... ach ihr wisst schon!«, fügte er noch hinzu und deutete auf die vielen Bücher und die anderen Dinge.

»Ich denke, du hast erst einmal zu tun, alles kennenzulernen und einen Überblick zu gewinnen«, entgegnete Larsen lächelnd, »Du weißt, wo du uns findest. Übermorgen wird dann der Prozess gegen Martens Connet beginnen. Halte dich bitte dafür bereit. Du bist als Zeuge geladen. Aber das weißt du ja selber.«

Mit diesen Worten ließen die Magister den jungen Zauberer allein in dem großen Raum zurück. Obwohl Adrian noch jede Menge Fragen gehabt hätte, ließ er sie erst einmal gehen. Zu neugierig war er zu erfahren, welche Geheimnisse im Arbeitszimmer seines Großvaters wohl zu entdecken waren.



Erschöpft und müde ließ sich Adrian auf dem großen, bequemen Sessel nieder, der in der Mitte des Raumes vor einem halbmondförmigen Schreibtisch aus hellem, stark gemasertem Holz stand. Den ganzen Tag hatte er das Arbeitszimmer seines Großvaters durchstöbert. Die meiste Zeit verbrachte er allerdings damit, unzählige Stapel von Fotos durchzuschauen, die von seinem Großvater und hauptsächlich von dessen Familie stammten.

Seine Großmutter, von der er noch viel, viel weniger wusste, war auf keinem Einzigen der Bilder zu sehen, wo auch sein Vater und seine Tante Corvina drauf waren. Nur einige wenige Abbildungen zeigten sie als junge, hübsche Frau zusammen mit seinem Großvater. Irgendetwas musste passiert sein, aber er fand dazu keinen hilfreichen Hinweis.

Wahrscheinlich würde Adrian noch Tage, wenn nicht sogar Wochen, brauchen, um den ganzen Raum zu erkunden. Für heute hatte er aber erst einmal genug. Als so ziemlich Letztes war ihm ein altes, kleines Buch mit abgegriffenem Ledereinband aufgefallen, als er die Schubfächer des Schreibtisches durchsuchte. Es hatte eingewickelt in ein weiches Tuch in einer kunstvoll verzierten Holzschatulle gelegen, die sich von ganz allein öffnete, als er sie mit seinen Fingern berührte.

Genüsslich lehnte er sich in dem weichen Sessel zurück, legte die Beine auf die Tischplatte und schlug das Buch auf.

»Mein lieber Adrian ...«, ertönte eine weiche, tiefe Stimme. Vor Schreck entglitt Adrian das Buch und fiel auf den Boden und er rutschte aus dem Sessel. Mit einem Mal war er wieder hellwach.

Nachdem er sich vergewissert hatte, dass er tatsächlich allein in dem Raum war, tastete er nach dem Buch und betrachtete es sorgfältig von außen. Außer den Initialen 'HP', die in geschwungener Schrift in der rechten unteren Ecke des Einbandes golden schimmerten, war weder ein Titel noch irgendetwas Anderes zu erkennen, was von außen auf den Inhalt des Buches schließen ließ.

Noch immer auf dem harten Fußboden sitzend, schlug Adrian es erneut auf. Die leicht vergilbten Seiten waren über und über mit kaum lesbaren Kritzeleien gefüllt. Wahrscheinlich hatte es sein Großvater als Notizbuch verwendet.

Sobald das Buch geöffnet war, blätterten die Seiten von allein ganz an den Anfang. Dann ertönte wieder die Stimme.

»Mein lieber Adrian. Da du jetzt mein Tagebuch in der Hand hältst, bist du ganz sicher der Hüter des Siegels von Arlon, ganz so, wie ich es vorhergesehen habe. Wie gerne wäre ich doch in den vergangenen Jahren mit dir und deiner Familie zusammen gewesen! Aber das war leider nicht möglich. Ich bedauere das wirklich sehr. Trotzdem war ich sehr oft in eurer Nähe.«

Adrian glaubte, etwas Wehmut in den Worten seines Großvaters zu hören, die ihm aus dem mysteriösen Buch entgegenschallten. Zeit zum Grübeln blieb ihm jedoch nicht, da die geheimnisvolle Stimme weitersprach.

»Es gibt so viel, was ich dir zu sagen habe und was du wissen musst, dass ich gar nicht so recht weiß, wo ich beginnen soll. Die Verantwortung, die auf dir ruht, ist groß und du bist noch sehr jung. Gehe dessen ungeachtet nicht leichtfertig mit den Dingen um, die ich dir jetzt sagen und zeigen werde. Bist du bereit dafür?«

Adrian blickte erwartungsvoll, aber auch etwas skeptisch auf das Buch. Doch es passierte erst einmal gar nichts, bis er schließlich laut und deutlich 'Ja' sagte.

Sofort begangen die Seiten des Buches, wieder von allein umzublättern. Sie blieben auf einer Seite stehen, auf der sich die Skizze eines Siegelrings befand. Anstelle eines Edelsteines war das Wappen des Ordens von Arlon zu erkennen. Der Ring war an einer Kette befestigt.

Unter dem Bild entzifferte er den Schriftzug 'Das Siegel von Arlon'. Ansonsten war die ganze Seite über und über mit der gleichen, kaum leserlichen Schrift gefüllt wie die Erste.

Sobald Adrian versuchte, den Sinn des Textes zu entschlüsseln, schwebte das Büchlein etwas von ihm weg und wurde zusehends immer größer, bis es die Größe einer kleinen, schmalen Tür erreicht hatte, die mitten im Raum vor ihm stand. Die Seite, die er gerade betrachtet hatte, blätterte um und öffnete einen Durchgang in einen anderen Raum.

»Komm hier rüber«, forderte ihn die Stimme seines Großvaters auf und er folgte der Einladung, ohne zu zögern.

Adrian fand sich im gleichen Zimmer wieder, welches er soeben verlassen hatte. Ein Blick aus dem Fenster zeigte aber, dass draußen gerade ein fürchterlicher Wintersturm tobte. Auch lagen auf dem Schreibtisch, der eben noch leer und aufgeräumt gewesen war, verschiedene Papiere, Karten und Bücher verstreut herum. Der große Sessel stand etwas abseits an einem der Fenster. Darin saß ein Mann und hatte sich in ein dickes Buch vertieft.

Adrian brauchte nicht zu fragen, wer dieser Mann war, denn er konnte sein Spiegelbild im Fenster sehen. Er stand wie angewurzelt da. Der Mann schien sein Eintreten gar nicht bemerkt zu haben.

Der Durchgang hatte sich sofort hinter ihm wieder verschlossen. Direkt neben ihm schwebte aufgeschlagen das sonderbare Buch.

Plötzlich stand der Mann auf und ging zur Tür. Auch jetzt nahm er keinerlei Notiz von Adrian.

Die Stimme seines Großvaters aus dem Buch sprach wieder zu ihm: »Folge jetzt dem Mann - also mir!«

Ohne, dass Adrian etwas dagegen tun konnte, begannen seine Beine loszulaufen und seinem Großvater zu folgen.



Die Stimmung der Schwarzen Hexe war wieder einmal auf dem Tiefpunkt angelangt, als Tomar von Eisenberg zum wiederholten Male mitteilte, dass Adrian Pallmer noch immer nicht gefangen war. Seit Wochen, wenn nicht sogar seit Monaten, waren mehrere Gruppen ihrer Anhänger hinter ihm her, doch jedes Mal gelang es ihm, ihnen zu entkommen.

Da war es für sie auch nur ein schwacher Trost, dass Helmut Kroger, ein Protektor des Ordens von Arlon, getötet worden war. Auf ihn hatte sie einen unbändigen Hass. Schließlich war er früher einmal einer ihrer treuesten Anhänger gewesen, bevor er sich von ihr abgewandt hatte und seitdem mit den Magistern des Ordens zusammenarbeitete. Mehrmals hatte er Adrian Pallmer bereits geholfen, sodass sie nach Rache an ihm lechzte.

Am Meisten frustrierte Cleora Mordana jedoch, dass sie trotz aller Anstrengungen das Siegel von Arlon nicht in ihren Besitz bekam. Die Schlösser der Truhe hielten bisher allen ihren Zaubern und Flüchen stand. Und langsam gingen ihr die Ideen aus, was sie noch probieren könnte. Deshalb brauchte sie unbedingt Adrian Pallmer, der ganz sicher in der Lage sein würde, das Amulett seines Großvaters zu öffnen, sodass sie an den Schlüssel kommen konnte.

Gerüchten zufolge war es den Magistern des Ordens von Arlon gelungen, Martens Connet gefangen zu nehmen. Auf ihn hatte sie eigentlich ihre Hoffnung gesetzt bei der Suche nach dem jungen Pallmer, da Connet einer ihrer eifrigsten Unterstützer war und durch seinen persönlichen Hass auf Adrian angetrieben wurde.

Doch jetzt war er ja in den Händen der Magister. Von Mordana hatte er keine Hilfe zu erwarten. Schließlich war es seine eigene Schuld und Dummheit gewesen, sich schnappen zu lassen. Sollte er doch sehen, wie er von selbst wieder freikommen konnte. Und wenn nicht, war es auch gut.

Ganz anders sah das Tomar von Eisenberg. Als engster Vertrauter der Schwarzen Hexe, falls es so etwas überhaupt gab, widersprach er ihr zwar nicht direkt, kümmerte sich aber im Verborgenen darum, Connet zu befreien. Die Sicherheitsmaßnahmen, die das Tribunal des Ordens von Arlon schützten, waren jedoch so stark, dass auch er es nicht wagen konnte, einen offenen Angriff durchzuführen.

Aber er kannte da ja auch noch andere Möglichkeiten. Wenn alles so lief, wie er es geplant hatte, dann würde Martens Connet schon bald wieder auf freiem Fuß sein. Und er würde ganz genau wissen, wem er das zu verdanken hätte!


Adrian folgte seinem Großvater über mehrere Treppen und durch einige schmale und verwinkelte Gänge, bis sie in einen großen, achteckigen Raum kamen. Wände, Decke und sogar der Fußboden waren aus weißem Marmor. In der Mitte des Saales stand ein mannshohes massives Podest, das aus dem gleichen hellen Stein gefertigt war.

Darauf lag der Siegelring, der dem auf der Skizze wie ein Ei dem anderen glich. Von dem Ring und der Kette, an der er befestigt war, ging ein strahlendes Leuchten aus, das den ganzen Raum erfüllte. Ein warmes und sehr angenehmes Gefühl durchströmte Adrian, als das Licht auf ihn traf.

Neben dem Podium stand eine jung aussehende Frau, die er sofort an ihrem auffälligen Äußeren wiedererkannte. Es war die Zauberin Vioala Armedana, die nach dem Angriff auf die Burg der Schwarzen Hexe schwer verletzt worden und kurze Zeit später verstorben war. Adrian erinnerte sich noch ganz genau daran, als ob es erst gestern gewesen war. Dabei hatte es sich bereits vor ungefähr einem Jahr zugetragen.

Weder sein Großvater noch Armedana nahmen in irgendeiner Weise Notiz von ihm. Selbst, als er sich räusperte und schließlich laut 'Hallo?' rief, reagierten die Zwei nicht darauf. Nur einmal, als sein Großvater für einen kurzen Moment in seine Richtung schaute und ihm mit einem Lächeln zuzuzwinkern schien, war sich Adrian unsicher, ob er ihn nicht doch sah.

»Das ist es also, das so mächtige Siegel von Arlon?«, fragte die Zauberin in einem ehrfürchtigen Ton.

»Ja, das ist das Siegel«, antwortete Adrians Großvater.

In dem nachfolgenden Gespräch, welches Adrian mit größtem Interesse verfolgte, erzählte der alte Zauberer der Zauberin alles Mögliche über das Siegel. Als die Zwei nach einiger Zeit den Raum verließen, musste Adrian mit ihnen gehen. Gern wäre er noch ein wenig länger hier geblieben und hätte das Siegel aus der Nähe betrachtet, doch zog ihn eine unsichtbare Kraft mit sich fort, sodass er den beiden Magiern folgen musste.

Nach einem kurzen Weg betraten sie das Memorium der Magister des Ordens von Arlon. Adrian war schon einige Male hier gewesen, doch auch diesmal betrachtete er mit Staunen die unzähligen Bilder von bereits verstorbenen Magistern. Das Bild seines Großvaters, welches er bei seinem ersten Besuch in diesem Raum gesehen hatte, hing jetzt aber natürlich noch nicht an der Wand.

An dem großen Tisch saßen drei Magister, die Adrian bereits kannte. Er sah seinen Lehrer Magnus Jonson, Swør Larsen und auch Igor Marenkin. Eine weitere Zauberin, die unheimlich alt aussah, und einen Zauberer mit asiatischem Aussehen, dessen Haar bis auf einen langen, geflochtenen Zopf komplett abrasiert war und der einen orangefarbenen Umhang trug, hatte er allerdings noch nie gesehen.

Sein Großvater ergriff nun das Wort. Er sprach über Vioala Armedana, die gerade als neue Junior-Magisterin ernannt worden war. Doch dann wechselte er plötzlich das Thema.

»Die Anzeichen mehren sich, dass die finstere Macht G'Marbors wieder erstarkt. Seit der Schwarze Magier besiegt ist, schart seine Nichte Cleora Mordana jede Menge zwielichtiges Gesindel um sich. Und es sieht so aus, dass sie den unheilvollen Einfluss dieses Geheimbundes wieder aufrichten möchte.«

»G'Marbor ist mit dem Schwarzen Zauberer untergegangen«, meldete sich Igor Marenkin zu Wort, der hier, wie die anderen Zauberer auch, noch viel jünger aussah als zu der Zeit, als Adrian ihn eigentlich kennengelernt hatte.

»Doch Mordana wird alles versuchen, um selbst Macht zu erlangen. Wirklich alles! Glaub mir! Ich kenne sie, seit sie ein kleines Kind war. Es würde mich noch nicht einmal verwundern, wenn sie es sogar gewesen war, die ihren Onkel verraten und dafür gesorgt hat, dass er in die Falle getappt ist«, entgegnete die alte Zauberin.

»Das ist richtig. Sie ist böse, hinterlistig, gemein, rachsüchtig und unendlich machthungrig, um nur einige ihrer unrühmlichen Eigenschaften aufzuzählen«, ergänzte Magnus Jonson, der auch noch um einiges jünger aussah, als Adrian ihn kannte.

»Es gibt sogar Gerüchte, dass Cleora es auf das Siegel von Arlon abgesehen hat«, fügte Swør Larsen der Diskussion hinzu.

»Das Siegel ist hier in unserer Obhut. Es ist nicht in Gefahr!«, sagte Hermer Pallmer mit großer Bestimmtheit.

»Vielerorts wird gemunkelt, dass sich in den Reihen des Ordens von Arlon bereits zahlreiche Verräter befinden. Wie sicher können wir überhaupt sagen, wem wir noch vertrauen können?«, fragte der Zauberer mit asiatischem Aussehen skeptisch.

»WIR dürfen uns nicht entzweien! Denn dann hätte Cleora womöglich leichtes Spiel«, entgegnete Adrians Großvater und fügte gleich noch hinzu: »Wenn der Rat der Magister jedoch meint, dass die Gefahr besteht, dass das Siegel in falsche Hände gerät, so werde ich als Hüter des Siegels umgehend geeignete Sicherheitsmaßnahmen einleiten ...«

Das Buch, das immer noch neben Adrian schwebte, wurde plötzlich wieder groß wie eine Tür, die sich öffnete, sodass Adrian hindurchgehen konnte. Er landete in dem Arbeitszimmer, genau an der Stelle, wo er gestartet war. Ein Blick auf die Uhr zeigte, dass sein kleiner Ausflug fast eine Stunde gedauert hatte.

»Ahh, du hast scheinbar das Tagebuch deines Großvaters gefunden, oder?«

Adrian zuckte erschrocken zusammen, als er die Stimme von Magnus Jonson hörte. Der Magister stand an einem der Fenster und lächelte ihn an.

»Ja, das Tagebuch«, antwortete Adrian schnell. Da Magnus ihn weiter fragend anschaute, fügte er noch hinzu: »Ich habe das Siegel von Arlon gesehen. Es ist hier. Ich meine, es war hier, als ... als ...«

Adrian konnte gar nicht sagen, zu welcher Zeit das, was er gesehen hatte, passiert war, außer, dass es irgendwann in der Vergangenheit gewesen sein musste. Magnus nickte eifrig und setzte dann einfach den Satz von Adrian fort: »Ja, es befand sich hier, als es sich noch im Besitz des Ordens von Arlon befand. Das ist inzwischen schon mehr als fünfzehn Jahre her ...«

»Was? Solange ist es schon weg?«, wunderte sich der junge Zauberer.

»Ja. Und seitdem hat der Orden und allen voran dein Großvater versucht, es wiederzuerlangen. Den Erfolg dieser Anstrengungen kennst du ja.«

»Jupp!«, antwortete Adrian und steckte das Tagebuch in die Innentasche seiner Jacke.

»Doch deshalb bin ich gar nicht da«, setzte Magnus fort, »Ich wollte mit dir nur noch einmal kurz über das Tribunal gegen Martens Connet sprechen. Du hast ja nun schon mehrmals mit ihm zu tun gehabt. Und er hat dir so Einiges angetan.«

»Ja und? Was willst du damit sagen?«, fiel ihm Adrian ins Wort, der im Moment überhaupt nicht in der Stimmung war, über dieses Thema zu debattieren.

»Lass dich nicht von Wut und Zorn leiten oder gar gefangen nehmen. Das sind keine guten Ratgeber, wenn es um Wahrheit und Gerechtigkeit geht.«

»Soll er etwa nicht für das zur Rechenschaft gezogen werden, was er getan hat?«, protestierte Adrian sofort.

»Oh doch! Er muss und er soll sich für die Dinge verantworten, die er getan hat. Doch hier geht es eher um dich! Pass auf, dass DEIN Urteilsvermögen nicht durch Zorn oder gar Hass getrübt ist. Ja?«

Adrian blickte für einen Moment zu Boden. Wie sollte er Connet nicht dafür hassen, was er getan hatte? Schließlich war er ja schuld daran, dass Helmut nicht mehr lebte. Außerdem würde Connet ganz sicher auch nicht einen klitzekleinen Augenblick zögern, ihm irgendeinen Schaden zuzufügen, wenn er die Gelegenheit dazu hätte.

»... kommst du die Tage bis zu dem Tribunal mit zu uns?«, riss ihn der Magister aus seinen Gedanken.

»Was?«

»Ich hatte dich gefragt, ob du mit zu uns kommen möchtest, bis das Tribunal beginnt?«

Ganz gern wäre Adrian mitgekommen, aber er spürte das Tagebuch in seiner Tasche. Er musste unbedingt wissen, was sein Großvater ihm noch mitzuteilen hatte.

»Danke ... ähm ... schon, aber ... eigentlich wollte ich ...«

»Das ist völlig in Ordnung, Adrian«, antwortete Magnus lächelnd und deutete auf die Stelle, wo sich das Tagebuch befand, »Ich bin mir sicher, dass du noch viele offene Fragen hast und so manche Antwort darauf dort in deiner Tasche steckt.«

Adrian nickte kurz.

»Wir sehen uns dann spätestens übermorgen zum Tribunal«, verabschiedete sich der alte Zauberer und verließ das Arbeitszimmer.

Da es schon recht spät war, überlegte Adrian, ob er nicht gleich hier drin übernachten könnte. Ein Bett oder etwas dergleichen gab es zwar nicht, aber der große Sessel würde ihm schon ausreichen.

Also holte er seine Sachen aus dem Zimmer, in dem er die letzten Tage übernachtet hatte. Unterwegs besorgte er sich auch gleich noch ein paar Dinge zum Essen und Trinken, sodass er mit allem ausgerüstet war, was er für die kommenden Tage brauchen würde.

Wieder zurück in seinem Arbeitszimmer setzte er sich in den bequemen Sessel und nahm sich das Tagebuch zur Hand. Sobald er es aufschlug, begannen die Seiten von allein zu blättern. Nach kurzer Zeit blieb das Buch an einer Stelle geöffnet, wo ein großes schwarzes Ausrufezeichen fast die Hälfte der Seite ausfüllte. Rundherum war auch dieses Blatt mit einer Menge unleserlicher Kritzeleien gefüllt.

Wie beim ersten Mal schwebte das Tagebuch zur Seite, vergrößerte sich und öffnete eine Tür in einen anderen Raum. Nachdem er hindurchgetreten war, stand er wieder in dem Arbeitszimmer seines Großvaters. Durch das Fenster blickte Adrian in die aufgehende Sonne, die gerade aus dem spiegelglatten Meer auftauchte.

Sein Großvater stand neben dem Schreibtisch in der Mitte des Raumes. Vor ihm lag eine kleine geöffnete Truhe. Adrian erkannte sie sofort wieder. Das war die Kiste, welche die Schwarze Hexe bei sich hatte, als sie aus ihrer Burg geflüchtet war. Noch hatte sie jedoch keinen Inhalt.

Adrians Großvater blätterte in einem alten Buch mit abgegriffenem Ledereinband. Vor ihm, direkt neben der Truhe, lag sein goldenes Amulett und daneben ein kleiner, silberner Schlüssel mit einem äußerst filigran gearbeiteten Bart.

Plötzlich klopfte es an der Tür. Gleich darauf trat ein Mann in den Raum. Adrian hätte fast laut aufgeschrien, als er dessen Gesicht erkannte. Sein blondes Haar war streng nach hinten gegelt. Auf der Nase trug er eine Brille mit leichter Tönung. Sein Gesicht wirkte noch fast jugendlich.

»Martens. Gut, dass du so schnell gekommen bist«, sagte der Magister und legte das Buch zur Seite.

»Ja? Was ist denn der Grund der ganzen Aufregung?«

Adrians Großvater machte eine kurze Handbewegung und neben dem Tisch tauchte ein weiterer Stuhl aus dem Nichts auf.

»Setz dich bitte!«, forderte er den jungen Mann auf.

»Aber was ist denn ...«, wollte dieser sofort zum Widerspruch ansetzen, doch der Magister ließ ihn nicht zu Wort kommen.

»Setz dich, bitte!«

Die zweite Aufforderung von Adrians Großvater klang nun nicht mehr ganz so nett und freundlich, sondern war bestimmt und ließ keinen Widerspruch zu. Der junge Martens Connet gehorchte, ohne etwas zu antworten. Adrian, der nur eine Armlänge von ihm entfernt stand, konnte in sein versteinertes Gesicht blicken.

Die Unterredung zwischen dem Magister und dem jungen Zauberer dauerte nur wenige Minuten. Es ging um irgendeine Aufgabe, die Connet erfüllen sollte, was er aber nicht getan hatte. Doch so genau hörte Adrian dabei nicht zu, denn seine Aufmerksamkeit war auf das Amulett und den Schlüssel gerichtet, die neben der Truhe lagen.

Nachdem die kurze Zurechtweisung endlich vorbei war, verließ Connet mit gesenktem Kopf wieder den Raum. Adrians Großvater blickte ihm noch lange schweigend hinterher. Dann wandte er sich wieder seinem Buch zu und blätterte ein paar Seiten weiter.

Adrian versuchte, einen Blick auf das zu werfen, was sein Großvater gerade las. Doch der Text war in einer Art Runenschrift verfasst, die er noch nie zuvor gesehen hatte, sodass er auch nicht entziffern konnte, worum es überhaupt ging.

Plötzlich begann das Tagebuch, welches neben ihm schwebte, wieder zu sprechen.

»Ich lese gerade etwas über den mächtigsten Verschlusszauber, den es überhaupt gibt. Der Orden hat entschieden, das Siegel von Arlon sicher zu verwahren. Gestern hatte ein Unbekannter versucht, in den Siegelraum einzudringen, um es womöglich sogar zu stehlen. Dieser Versuch war zwar nicht erfolgreich gewesen, jedoch wollen wir kein Risiko eingehen. Zu mächtig ist es, und zu verheerend wären die Folgen, wenn es in die falschen Hände geraten sollte.«

Adrian beobachtete nun, wie der Großvater seinen Zauberstab nahm und mit dessen Spitze den kleinen silbernen Schlüssel berührte, der neben dem Amulett lag. Als er dann seinen Stab wieder anhob, schwebte der Schlüssel über den Tisch zu der Truhe. Über ihr blieb er in der Luft stehen. Winzig kleine Lichtpunkte lösten sich von ihm und rieselten wie Schneeflöckchen herab, bis die Kiste in einen leuchtenden Mantel gehüllt war.

Anschließend schwebte der Schlüssel zurück zu dem Amulett. Sobald er es berührte, durchzuckte ein Lichtblitz den Raum. Zurück blieb nur das Amulett, welches nun ebenfalls hell leuchtete.

Bei der in die Lichtwolke eingehüllten Truhe bildeten sich auf der Oberfläche nach und nach feine Strukturen heraus. Anfänglich waren nur ganz dünne und zarte Metallbeschläge zu erkennen, die jedoch recht schnell immer dicker und kräftiger wurden.

Wieder klopfte es an der Tür und mehrere der Magister traten ein.

»Es ist alles vorbereitet«, sagte Adrians Großvater und zeigte auf die Truhe, welche inzwischen schon mit recht kräftigen Beschlägen versehen war, »Lasst uns beginnen.«

Mit diesen Worten griff er sich das Amulett und hängte sich die Kette um. Mit einer kurzen Bewegung seines Zauberstabes erhob sich die Truhe vom Schreibtisch und schwebte neben ihm her, als er, gefolgt von den anderen Magistern und von Adrian, den Raum verließ.

Nachdem sie über mehrere Treppen und durch einige schmale und verwinkelte Gänge gelaufen waren, erreichten sie den großen, achteckigen Raum, in dem sich das Siegel befand. Es lag auf dem Podest in der Mitte der Halle und erfüllte diese mit seinem hellen Licht.

Adrians Großvater ergriff das mächtige, magische Artefakt und legte es in die Truhe. Anschließend schloss er den Deckel und stellte sie wieder auf das Podest, wo sonst das Siegel gelegen hatte. Dann nahm er sein Amulett in die linke Hand und legte die Andere auf die Truhe. Ein helles Leuchten, das von dem Amulett ausging, erfüllte den Raum. Über ihn wanderten dünne, goldgelbe Lichtfäden von dem magischen Amulett zu der Truhe.

Die Metallbeschläge begannen nun ebenfalls zu strahlen und wurden noch kräftiger und oben, auf der Oberfläche des Deckels der Kiste, begann das Wappen des Ordens von Arlon zu entstehen. Dabei wuchs es Stück für Stück und wurde immer größer, ganz so, als würde man dem Wachstum einer Pflanze im Zeitraffer zuschauen. Zum Abschluss erschienen mitten in der Luft noch drei Vorhängeschlösser, die die wuchtigen Eisenbänder der Truhe nun miteinander verbanden.

Schweißperlen standen auf der Stirn von Adrians Großvater und eine tiefe Falte zeigte, wie sehr er sich gerade anstrengen musste. Als er dann seine rechte Hand zurückzog, hörte das Leuchten wieder auf.

»Es ist vollbracht«, sagte er mit einem Kopfnicken, »Das Siegel von Arlon ist geschützt.«

Die anderen Magister, die mit ihm gekommen waren, richteten ihre Zauberstäbe oder magischen Ringe nun ebenfalls auf die Truhe. Dünne leuchtende Stäbe wuchsen aus dem Boden des Podestes und verbanden sich zu einem dichten Käfig, in dessen Zentrum die verschlossene Truhe mit dem Siegel stand.

 

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